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  • Lasse-Marc Riek – KlangKompassKannawurf 1

    Lasse-Marc Riek – KlangKompassKannawurf 1

    1. Hörspaziergang „Obere Sachsenburg“ 20:48 Min.

    Wir hören auf dem Höhenzug Schmücke in das Tal, die Weite, die Vogelwelt, den Verkehr.
 Von der oberen Sachsenburg lauschen wir durch die Blühwiese, Insekten, Wind und Verkehr, durch die Bäume und dem Gesang diverser Singvögel.
 Aus dem Regen kommend, steigen wir hinab zur Brücke über der Unstrut. Passant*innen, Pkw und Lkw, in weiter Ferne der Vogelsang. 
Am Ende des Hörspazierganges finden wir uns Unterwasser im Weiher nach der Unstrut wieder und lauschen Wasserinsekten und dem Gesang der Frösche.

    Klangfundorte:
    – Untere Sachsenburg
    – Unstrut Brücke
    – Unstrut Flutmulde
    – Höhenzug Schmücke

    1 1 Wieland Krause

    1 2 Wieland Krause

    1 3 Wieland Krause

    {mp3}OBERE_SACHSENBURG{/mp3}

    Fixierte Hörwarte: 51°17’47.0″N  11°09’44.4″E

    Link: https://goo.gl/maps/B6MkQPNrFu3gJZVy8 

    Foto: Wieland Krause

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  • RESONANZEN_ ein Landschaftskunstprojekt in Thüringen

    RESONANZEN_ ein Landschaftskunstprojekt in Thüringen

    Termin: 14.05.-15.05. 2022  Ι   Beginn: 14.05.2022, 13.00 Uhr  Ι  Eintritt frei

    Ort:  Künstlerhaus Thüringen e.V.  Ι  Schloss Kannawurf  Ι  06578 Kannawurf  Ι  Schlossplan 1

    „Ich hatte immer gedacht, ein Gärtner oder Landwirt würde die Natur besser kennen als ich. Weit gefehlt. Von der Natur sieht am meisten der Künstler“ Béla Hamvas (1897-1968)

    Die Kannawurfer Landschaft ist heute geprägt von industrieller Landwirtschaft, von endlosen Feldschlägen, Maisfeldern für die Biogasgewinnung, weitausholenden, einander überschneidenden Horizontlinien, kaum Baumbestand. Alte Wege sind überpflügt, die Wegerandbepflanzung mit Obstbäumen und Gehölzen ist nur noch rudimentär vorhanden.

    In diese Landschaft haben die Akademie der Künste Sachsen-Anhalt und das Künstlerhaus Thüringen 8 Künstler eingeladen, sich während Stipendienaufenthalten im Schloss ein Bild zu machen von der Situation dieser Landschaft, ihren Problemen und ihren Möglichkeiten.

    Dem Projekt vorausgegangen war im Mai 2021 ein dreitägiges interdisziplinäres Symposium RESONANZEN _Landschaft / Natur und Kunst im Kontext, flankiert von einer thematischen Ausstellung. Eingeladen durch die Akademie der Künste Sachsen-Anhalt und das Künstlerhaus Thüringen stellten 15 Referenten das breite thematische Spektrum Kunst und Landschaft dar.

    Am Samstag 14.05. und Sonntag 15.05 werden nun in den Räumen des Schlosses und an verschiedenen Orten in der Landschaft die Ergebnisse der künstlerischen Arbeit der Stipendiaten präsentiert. Es wird Performances, Ausstellungen und geführte Wanderungen zu den Orten in der Landschaft geben.
    Eine abschließende Publikation wird im Anschluß die Projektergebnisse umfangreich dokumentieren.

    ein Projekt der Akademie der Künste Sachsen-Anhalt und des Künstlerhaus Thüringen

    Akademie der Künste Sachsen-Anhalt  Ι  Posthornweg 3, 04118 Halle/Saale   Ι   info@adk-san.de   Ι  www.adk-san.de            

    Gefördert durch:   
    Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft
    Robert Bosch Stiftung, Projekt Neulandgewinner – Zukunft erfinden vor Ort

    kombimarke gefoerdertbmel ble ptble

    Ablaufplan mit Kurzinfotexten:

    Samstag, 14.5.2022

    13:00 Uhr Kornboden Schloss:
                    – Begrüßung
                    – Felicitas Fässler, PLAN – weiße Flecken
                    – Jens Klein, Dellen und Muster
                    – Ellen Brix, 6400 qm
                    – Erfrischungen
    14:30 Uhr Schlossvorplatz:
                    – Aufbruch zur Sachsenburg
    15:00 Uhr Sachsenburg:
                    – Lasse-Marc Riek, KlangKompassKannawurf Klanginstallation (ca. 30 min)
                    – Carl Vetter, LOIPE, (Fußweg zur Blühwiese)                      
                    – 16:30 Uhr Wanderung von der Blühwiese nach Kannawurf (2 h)
    ca. 18 Uhr Rabenhütte:
                    – Anne Baumann, Offener Brief der Wildpflanzen und Wildtiere der „Rabenhütte“
                    – ca. 19.00 Eintreffen Kannawurf
                    – Wein, Bier, Imbiss für Künstlerinnen und Gäste
                    – 21.30 Carl Vetter, LICHT – BLICK, Performance

                    Sonntag, 15.5.2022

    10:30 Uhr Kornboden:
                    – Felicitas Fässler, weiße Flecken
                    – Jens Klein, Dellen und Muster
                    – Ellen Brix, 6400 m2
    11:30 Uhr Renaissancegarten:
                    – Ralf Hoyer, ZEITgeteilt-PLANETENSPIEL, Klanginstallation
    12:30 Uhr, Schlossvorplatz:
                    – Felicitas Fäßler, weiße Flecken 
                    – Tina Flau, Rosacea, geführter Spaziergang: Hohlweg, Totenhügel, Rabenhütte, Streuobstwiese, 

    Kurzdarstellung der Projekte:

    Carl Vetter, KANNAWURF_ nah und fern
    ‚LOIPE‘ : eine versteckte Blühwiese oberhalb des Dorfes Sachsenburg.
    Das Gelände ist an den Rändern mit grünen Holzstäben gekennzeichnet. Folgt der Betrachter den Markierungen, umrundet er das gesamte Areal. An vielen Seiten begrenzt dichter Wald die Sicht, immer wieder öffnet sich das geschwungene Gelände auch auf weit ins Land reichende Fernsichten. Sich bewusst mit allen Sinnen auf dieses beispielhafte Stück Land einzulassen ist die Idee für diese Arbeit.

    ‚LICHT – BLICK‘ :   eine langgestreckte Wiese am steilen Berghang auf der anderen Seite der Unstrut, schräg gegenüber der Sachsenburg. Auf dem Gelände wird eine Linie abgesteckt, die durch die Auseinandersetzung mit dem Umfeld und dem Bewuchs an den Rändern abgeleitet ist. Bei Dunkelheit wird die Linie durch das flackernde Licht brennender Wachsfackeln weithin sichtbar. Etwa eine dreiviertel Stunde lang kann das Auftauchen und wieder Verlöschen der Flammen beobachtet werden. Aufgrund des großem Abstandes des Betrachters wird auch das gesamte Umfeld wahrgenommen, das Eingebettetsein der Wiese in die sie umgebende Landschaft.

    Felicitas Fäßler, weisse Flecken
    Eine Sandgrube, ein Hohlweg, eine Streuobstwiese mit abgestorbenen Bäumen … solche Biotope rings um Kannawurf sind Ausgangspunkt für die Arbeit, die im Rahmen des „Resonanzen Landschaftskunstprojekts“ entstanden ist. Inselgleich treten die Orte zwischen den riesigen, gleichmäßig gefurchten Äckern hervor. Grüne Wegmarken auf monochromem Grund. 
    In Anlehnung an das orientierungsstiftende Werkzeug der Karte, werden die Orte aus der Vogelperspektive gezeigt. Die Motive basieren auf 3D-Modellen, die aus Datensätzen geodätischer Landschaftsvermessung erstellt und partiell mit Satellitenbildern koloriert wurden.
    Analog zu den weißen Flecken, die das unerschlossene Gebiet auf alten Plänen bezeichneten und heute sprichwörtlich ein unbekanntes Wissensgebiet markieren, bleiben die Texturen der Modelle teilweise ausgespart. Gefaltet als Landkarten können die Bilder in das Gelände zurückgetragen und mit individuellen Eindrücken abgeglichen werden.

    Lasse-Marc Riek, KlangKompassKannawurf – Ein Soundatlas aus 4 Himmelsrichtungen von Lasse-Marc Riek
    Mit den Ohren sehen
    Jeder Ort hat seinen spezifischen Klang, jede Situation klingt anders. Die aus der kanadischen Soundscape-Bewegung entwickelte Methode der Hörspaziergänge beinhaltet die Erkundung von Umgebungen, Orten und Situationen mit Konzentration auf das Geräusch. Über die Sensibilisierung des Hörsinns entstehen neuen Perspektiven und Eindrücke des durchschrittenen Raumes. Wie klingt die Umgebung Kannawurf und welche spezifischen Klangorte gibt es? Diesen Fragen folgend wanderte Riek mit offenen Ohren, Mikrofonen und Sensoren zu unterschiedlichen Jahreszeiten durch die Landschaft und zeichnete Klangorte auf.
    Ausgehend vom Schloss Kannawurf wurden 4 Klangorte sonifiziert und in Kompositionen überführt. Die Kompositionen sind nach zuhören.
    Innerhalb der Festivaltage wird Riek eine temporäre Klangperformance an der Burgruine Sachsenburg aufführen.

    1. Hörspaziergang „Obere Sachsenburg“ 20:48 Min.
    2. Hörspaziergang „Hainleite Höhe Kannawurf“ 21:52 Min.
    3. Hörspaziergang „KlangRaum Kindelbrück“ 25:52 Min.
    4. Hörspaziergang „Windkraftpark Sprötau“ 14:24 Min.

    Tina Flau, „Rosaceae“ – Landschafts-Kunst-Projekt für Kannawurf
    Künstlerische Gestaltungen in ausgewählten Hohlwegen und ehemaligen Obstplantagen der nördlichen Agrarflur von Kannawurf
    Die nördliche Agrarlandschaft von Kannawurf macht einen unwirklichen Eindruck. Der industrielle Landbau hat den Raum bis auf wenige ökologische und kulturhistorische Elemente entleert.
    Ich habe Orte gesucht, in denen noch eine Vielfalt lebt. Hier haben die wild bewachsenen Hohlwege und aufgelassenen Obstplantagen meine Zuneigung gefunden und ich sehe sie als bedroht an. Diese wichtigen Zeugnisse alter Landeskultur müssen geschützt und erhalten bleiben, zumal sie auch als Ausgangs- und Zielpunkte einer Wiederbelebung dienen können.
    Im Wappen von Kannawurf sind zwei Blüten von Rosaceaen (Rosengewächse) dargestellt. Die Bedeutung dieser Gattung kann nicht hoch genug eingeschätzt werden, für die ökologischen Prozesse und auch für unsere Ernährung (bekannte Obstarten).
    Generell geht es darum, dass die Landschaft wieder als ein Ort des Lebens positiv wahrgenommen werden kann; dazu sollen Aufenthalts- und Gestaltqualitäten entwickelt werden.

    Anne Baumann, Offener Brief der Wildpflanzen und Wildtiere der „Rabenhütte“
    In ihrem Offenen Brief wenden sich die Wildtiere und Wildpflanzen der „Rabenhütte“ bei Kannawurf direkt an die Menschen: sie fordern nicht nur einen Waffenstillstand, sondern auch, dass ihnen „soviel zurückerstattet werden muss, wie sie uns, den Menschen, gegeben haben.“ Ausgangspunkt ist der „Naturvertrag“ von Michel Serres, der einen neuen Gesellschaftsvertrag vorsieht, in dem Pflanzen, Tiere und die Welt (Natur) ebenso juristische Subjekte sind wie wir Menschen.
    Diese philosophische Idee findet in einigen Teilen der Welt bereits Anwendung und hat zum Ziel den Kriegszustand, in welchem sich die Menschheit mit der Welt (Natur) befindet, zu überwinden. Auch für die Region Kannawurf scheint diese Vision sinnvoll. Denn Gespräche mit der lokalen Bevölkerung haben gezeigt, dass der Landschaftswandel hin zu großflächigen Monokulturen nicht nur als Verlust der Artenvielfalt, sondern auch als Gefahr für die eigene Gesundheit und Eigentum wahrgenommen wird.
    Veröffentlicht wird der Offene Brief in einem Schaukasten, den ich aus jenem Müll gebaut habe, den manche Menschen mutwillig Schaden verursachend in die ehemalige Sandgrube „Rabenhüttte“ bei Kannawurf abgeladen haben. Der Schaukasten ist an der „Rabenhütte“ aufgestellt und auch im Internet werden die Wildpflanzen und Wildtiere der „Rabenhütte“ ihren Offenen Brief bekannt geben.

    Jens Klein, Dellen und Muster, 2022
    Mit dem Auto von Sachsenburg kommend Richtung Kannawurf, kurz vor der Kurve, ist eine kleine Vertiefung in der Straße, eine Delle. Beim Überfahren spürt man eine leichte Erschütterung. Kurz vor dem Ende des 2.Weltkrieges stürzte ein deutsches Flugzeug direkt neben der Straße hinter Kannawurf ab. Man konnte nichts sehen, weil die Stelle abgesperrt war, erzählte Frau Ernst im September 2021. Sie ist mit fast 100 Jahren die älteste Bewohnerin des Ortes.
    Auf der Suche nach dieser Delle fand ich Geschichten, die die Menschen in Kannawurf in den letzten 100 Jahren erlebten und Bilder sie bis heute begleiten. Für die älteren Bewohner*Innen, sind es vor allem der Krieg, die Vertreibung und Flucht, obwohl diese fast 80 Jahre zurückliegen.
    Schreiben sich geschichtliche Ereignisse und Veränderungen in die Landschaft ein, so wie sich das Erlebte ins Gedächtnis einprägt? Luftaufnahmen aus dem Zeitraum von 1944 bis zum Jahr 2020, die den Ort und die Landschaft um Kannawurf zeigen, sollen Auskunft geben.

    Ellen Brix, 6400 m²
    Diesem Projekt dient das artifizielle der Landschaftsarchitektur, hier Beispiel nehmend an einem Labyrinthentwurf von J. Peschel (1535-1599), im Kontrast zur flächendeckenden Monokultur der heutigen gewinnorientierten Agrarwirtschaft, als Grundlage. Der Gedanke der inneren Einkehr und des Zwiegesprächs auf dem Weg zum Zentrum des Labyrinths, im Spannungsfeld zur sich verlierenden Weite der Nutzlandschaft und der einseitigen, scheinbar unreflektierten Bebauung, sind der Ausgangspunkt dieser Arbeit.

    Ralf Hoyer, ZEITgeteilt-PLANETENSPIEL Klanginstallation
    Die Zeit beschreibt die Abfolge von Ereignissen, hat also eine eindeutige, nicht umkehrbare Richtung. Sie ist eine physikalische Größe. Das allgemein übliche Formelzeichen der Zeit ist t, ihre SI-Einheit ist die Sekunde s. Daraus leiten sich unmittelbar die Einheiten Minute und Stunde ab, mittelbar (über die Erdbewegung und gesetzlich festgelegte Schaltsekunden) auch Tag und Woche, dazu (abhängig vom Kalender) Monat, Jahr. Nachdem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nachgewiesen wurde, dass die Länge des mittleren Sonnentages unregelmäßigen Schwankungen unterliegt und langfristig zunimmt,[1] wurde die Ephemeridenzeit eingeführt, die auf der gleichmäßigeren Planetenbewegung beruhte (Wikipedia).
    Stellen Sie sich vor, die Venus liefe nicht in 5392,8 Stunden einmal um die Sonne, sondern in 2696,4 – also mit doppelter Frequenz. Diese Frequenz noch einmal verdoppelt ergäbe eine Umlaufzeit von 1348,2 Stunden… Schließlich, nach weiteren 30 Frequenzverdopplungen (oder Oktaven), wären wir mit 221,23 Umläufen der Venus um die Sonne pro Sekunde in einem Bereich, den wir hören könnten.
    In ZEITgeteilt / PLANETENSPIEL sind Klänge zu hören, die auf die beschriebene Weise aus den Umlaufzeiten der 8 Planeten abgeleitet sind. Für angemessene Transzendenzerfahrung möge bitte jede(r) selbst sorgen…

    Vitae der beteiligten Künstler :

    Carl Vetter
    geb. 1949 in Weimar
    1971 bis 78 Studium Freie Kunst an der HfBK in Hamburg bei Kai Sudeck
    Lebt seit 2010 in Langenapel bei Salzwedel
    Ab 1978 Einzel- und Gruppenausstellungen, sowie Stipendien im In- und Ausland: u.a.
    DAAD für Irland 1979/80, Stadt Hamburg 1982, Casa Baldi, Olevano Romano,Italien 1999, Kunstverein Röderhof 2004
    Entwicklung raumbezogener und audio – visueller Handlungskonzepte, vielfach mit Naturmaterialien in und für Landschafts- und Kulturräume im In- und Ausland, besonders Irland, sowie Portugal.
    www.carlvetter.de 

    Felicitas Fäßler
    geb. 1989 in Mindelheim,
    Januar 2019 Diplom
    2019 – 2013 Studium an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, Klasse Bild Raum Objekt Glas
    2010 – 2011 Studium Typografie und Fotografie an der Universidad de Palermo, Buenos Aires, Argentinien
    2012 – 2008 Studium Kommunikationsdesign Hochschule Augsburg, Abschluss BA
    www.felicitasfaessler.de

    Lasse-Marc Riek (geboren 1975 in Deutschland) ist Klangkünstler und arbeitet vielseitig mit den Geräuschen unserer Welt. Seit 1997 ist er mit Ausstellungen, Konzerten, Lehraufträgen und Workshop-Projekten international tätig und hat in Galerien, Künstlerhäusern, Kirchen und Museen gastiert. Dazu gehören das Museum für Kommunikation Frankfurt (D), die Schirnkunstalle Frankfurt (D), das ZKM Karlsruhe (D), das Norsk Teknisk Museum Oslo (NO), das Museo Reina Sofía Madrid (ES), das Art Center Beirut Lebanon (LB), die Galerie ONKAF New Delhi (IND), das Museum of Modern and Contemporary Art Roverto (IT), UNAM Art Gallery Namibia (NAM) und die Skylight Gallery New York (USA).
    Radiokompositionen hat er ua. für Deutschlandradio Kultur (DLR), den Hessischen Rundfunk (HR), den Westdeutschen Rundfunk (WDR) und für den Österreichischen Rundfunk (ORF) entwickelt. Er hatte Stipendien und AIR-Programme in Europa, dem Nahen Osten und Afrika inne. Preise und Auszeichnungen, unter anderem durch die Junge Akademie, Akademie der Wissenschaften Berlin (D), Wildlife Sound Recording Society Competition (UK), Prix Phonurgia Nova (F), Grand Prix Nova (RO) und Quartz Electronic Music Award (F).
    Er hat 2001 gemeinsam mit Roland Etzin das Label Gruenrekorder gegründet, eine Plattform für Klanglandschaften, Feldaufnahmen und elektroakustische Kompositionen von internationalen Künstler*innen und Wissenschaftler*innen.
    https://lasse-marc-riek.de/

    Tina Flau,
    1962 geboren in Scharnebeck
    1981- 88 landwirtschaftliche Lehre und Studium der Agrarwirtschaft  
    1988-91 Studium Malerei/Grafik Kunsthochschule Alfter bei Bonn
    1994-99 Studium Malerei/Grafik Hochschule für Bildende Künste Dresden
    1999-2001 Meisterschülerin und Tutorin bei Ulrike Grossarth in Dresden, HfBK
    seit 2001 freischaffende Künstlerin in Potsdam
    Zahlreiche Ausstellungen, Preise, Stipendien und Ankäufe im In- und Ausland
    www.tina-flau.de

    Anne Baumann
    seit 2021 Mitglied futurös e.V.
    seit 2015 korrespondierendes Mitglied der Akademie der Künste Sachsen-Anhalt
    2006-2012: Kunststudium an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, Diplomabschluss Freie Kunst
    2002-2006: Studium der Forstwissenschaften an der Technische Universität, Dresden, Studienschwerpunkt: Allgemeine Ökologie und Umweltschutz, Bachelorabschluss

    Jens Klein
    (*1970 in Apolda) nahm an zahlreichen Gruppen- und Einzelausstellungen teil: u. a. im Hartware MedienKunstVerein (HMKV), der Villa Stuck, dem Münchner Stadtmuseum, im Albertinum/Staatliche Kunstsammlungen Dresden, der GfZK Leipzig, dem Photomuseum Braunschweig, der Kunsthalle Erfurt und dem Museum Folkwang. Als Einzelpublikationen erschienen u.a. Hundewege. Index eines konspirativen Alltag, Bewerber/Bewerberinnen, Helle Nacht, und Sunset. 2017 erhielt er den Dokumentarfotografie-Förderpreis der Wüstenrot Stiftung und 2021 das Projektstipendium der DZ Bank Kunststiftung. Jens Klein lebt und arbeitet in Leipzig.

    Ellen Brix
    1983 in Halle geboren und über Umwege (Arbeit in einer sozial integrativen Tischlerei, Hispanistik- und Kunstgeschichts-Studium) zum Tanz gekommen.
    Studium von Tanz und Pädagogik in Dresden und Wien. Abschluss mit Diplom.
    Seit 2010 Arbeit als freie Tanzpädagogin und Choreografin.
    2011 Eröffnung des Tanzbetrieb als Raum für zeitgenössischen Tanz in Halle.
    2016 Gründung des Tanztheater Anuk.
    Seit 2016 Mitglied der Akademie der Künste S-A e.V.
    2018-2020 Ausbildung und Abschluss zur zertifizierten Rolferin™.

    Ralf Hoyer
    1950 geboren in Berlin / Tonmeisterstudium an der Hochschule für Musik “Hanns Eisler“ Berlin/ 1977-1980 Meisterschüler für Komposition an der Akademie der Künste bei Ruth Zechlin und Georg Katzer, seitdem freischaffend / Kompositionen für kammermusikalische Besetzungen, Chor, Orchester, Kammeroper und elektroakustische Musik / Arbeiten für Hörspiel, Theater und Film / Entwicklung und Realisation von MusikTheaterInstallationen, multimedialen Projekten und Klanginstallationen / verschiedene Preise, Stipendien und Arbeitsaufenthalte, darunter Rom-Stipendium der Bundesregierung für die Casa Baldi/Olevano Romano 2015.
    www.ralfhoyer.de 

  • RESONANZEN_ ein Landschaftskunstprojekt in Thüringen

    RESONANZEN_ ein Landschaftskunstprojekt in Thüringen

    Termin: 14.05.-15.05. 2022  Ι   Beginn: 14.05.2022, 13.00 Uhr  Ι  Eintritt frei

    Ort:  Künstlerhaus Thüringen e.V.  Ι  Schloss Kannawurf  Ι  06578 Kannawurf  Ι  Schlossplan 1

    „Ich hatte immer gedacht, ein Gärtner oder Landwirt würde die Natur besser kennen als ich. Weit gefehlt. Von der Natur sieht am meisten der Künstler“ Béla Hamvas (1897-1968)

    Die Kannawurfer Landschaft ist heute geprägt von industrieller Landwirtschaft, von endlosen Feldschlägen, Maisfeldern für die Biogasgewinnung, weitausholenden, einander überschneidenden Horizontlinien, kaum Baumbestand. Alte Wege sind überpflügt, die Wegerandbepflanzung mit Obstbäumen und Gehölzen ist nur noch rudimentär vorhanden.

    In diese Landschaft haben die Akademie der Künste Sachsen-Anhalt und das Künstlerhaus Thüringen 8 Künstler eingeladen, sich während Stipendienaufenthalten im Schloss ein Bild zu machen von der Situation dieser Landschaft, ihren Problemen und ihren Möglichkeiten.

    Dem Projekt vorausgegangen war im Mai 2021 ein dreitägiges interdisziplinäres Symposium RESONANZEN _Landschaft / Natur und Kunst im Kontext, flankiert von einer thematischen Ausstellung. Eingeladen durch die Akademie der Künste Sachsen-Anhalt und das Künstlerhaus Thüringen stellten 15 Referenten das breite thematische Spektrum Kunst und Landschaft dar.

    Am Samstag 14.05. und Sonntag 15.05 werden nun in den Räumen des Schlosses und an verschiedenen Orten in der Landschaft die Ergebnisse der künstlerischen Arbeit der Stipendiaten präsentiert. Es wird Performances, Ausstellungen und geführte Wanderungen zu den Orten in der Landschaft geben.
    Eine abschließende Publikation wird im Anschluß die Projektergebnisse umfangreich dokumentieren.

    ein Projekt der Akademie der Künste Sachsen-Anhalt und des Künstlerhaus Thüringen

    Akademie der Künste Sachsen-Anhalt  Ι  Posthornweg 3, 04118 Halle/Saale   Ι   info@adk-san.de   Ι  www.adk-san.de            

    Gefördert durch:   
    Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft
    Robert Bosch Stiftung, Projekt Neulandgewinner – Zukunft erfinden vor Ort

    kombimarke gefoerdertbmel ble ptble

    Ablaufplan mit Kurzinfotexten:

    Samstag, 14.5.2022

    13:00 Uhr Kornboden Schloss:
                    – Begrüßung
                    – Felicitas Fässler, PLAN – weiße Flecken
                    – Jens Klein, Dellen und Muster
                    – Ellen Brix, 6400 qm
                    – Erfrischungen
    14:30 Uhr Schlossvorplatz:
                    – Aufbruch zur Sachsenburg
    15:00 Uhr Sachsenburg:
                    – Lasse-Marc Riek, KlangKompassKannawurf Klanginstallation (ca. 30 min)
                    – Carl Vetter, LOIPE, (Fußweg zur Blühwiese)                      
                    – 16:30 Uhr Wanderung von der Blühwiese nach Kannawurf (2 h)
    ca. 18 Uhr Rabenhütte:
                    – Anne Baumann, Offener Brief der Wildpflanzen und Wildtiere der „Rabenhütte“
                    – ca. 19.00 Eintreffen Kannawurf
                    – Wein, Bier, Imbiss für Künstlerinnen und Gäste
                    – 21.30 Carl Vetter, LICHT – BLICK, Performance

                    Sonntag, 15.5.2022

    10:30 Uhr Kornboden:
                    – Felicitas Fässler, weiße Flecken
                    – Jens Klein, Dellen und Muster
                    – Ellen Brix, 6400 m2
    11:30 Uhr Renaissancegarten:
                    – Ralf Hoyer, ZEITgeteilt-PLANETENSPIEL, Klanginstallation
    12:30 Uhr, Schlossvorplatz:
                    – Felicitas Fäßler, weiße Flecken 
                    – Tina Flau, Rosacea, geführter Spaziergang: Hohlweg, Totenhügel, Rabenhütte, Streuobstwiese, 

    Kurzdarstellung der Projekte:

    Carl Vetter, KANNAWURF_ nah und fern
    ‚LOIPE‘ : eine versteckte Blühwiese oberhalb des Dorfes Sachsenburg.
    Das Gelände ist an den Rändern mit grünen Holzstäben gekennzeichnet. Folgt der Betrachter den Markierungen, umrundet er das gesamte Areal. An vielen Seiten begrenzt dichter Wald die Sicht, immer wieder öffnet sich das geschwungene Gelände auch auf weit ins Land reichende Fernsichten. Sich bewusst mit allen Sinnen auf dieses beispielhafte Stück Land einzulassen ist die Idee für diese Arbeit.

    ‚LICHT – BLICK‘ :   eine langgestreckte Wiese am steilen Berghang auf der anderen Seite der Unstrut, schräg gegenüber der Sachsenburg. Auf dem Gelände wird eine Linie abgesteckt, die durch die Auseinandersetzung mit dem Umfeld und dem Bewuchs an den Rändern abgeleitet ist. Bei Dunkelheit wird die Linie durch das flackernde Licht brennender Wachsfackeln weithin sichtbar. Etwa eine dreiviertel Stunde lang kann das Auftauchen und wieder Verlöschen der Flammen beobachtet werden. Aufgrund des großem Abstandes des Betrachters wird auch das gesamte Umfeld wahrgenommen, das Eingebettetsein der Wiese in die sie umgebende Landschaft.

    Felicitas Fäßler, weisse Flecken
    Eine Sandgrube, ein Hohlweg, eine Streuobstwiese mit abgestorbenen Bäumen … solche Biotope rings um Kannawurf sind Ausgangspunkt für die Arbeit, die im Rahmen des „Resonanzen Landschaftskunstprojekts“ entstanden ist. Inselgleich treten die Orte zwischen den riesigen, gleichmäßig gefurchten Äckern hervor. Grüne Wegmarken auf monochromem Grund. 
    In Anlehnung an das orientierungsstiftende Werkzeug der Karte, werden die Orte aus der Vogelperspektive gezeigt. Die Motive basieren auf 3D-Modellen, die aus Datensätzen geodätischer Landschaftsvermessung erstellt und partiell mit Satellitenbildern koloriert wurden.
    Analog zu den weißen Flecken, die das unerschlossene Gebiet auf alten Plänen bezeichneten und heute sprichwörtlich ein unbekanntes Wissensgebiet markieren, bleiben die Texturen der Modelle teilweise ausgespart. Gefaltet als Landkarten können die Bilder in das Gelände zurückgetragen und mit individuellen Eindrücken abgeglichen werden.

    Lasse-Marc Riek, KlangKompassKannawurf – Ein Soundatlas aus 4 Himmelsrichtungen von Lasse-Marc Riek
    Mit den Ohren sehen
    Jeder Ort hat seinen spezifischen Klang, jede Situation klingt anders. Die aus der kanadischen Soundscape-Bewegung entwickelte Methode der Hörspaziergänge beinhaltet die Erkundung von Umgebungen, Orten und Situationen mit Konzentration auf das Geräusch. Über die Sensibilisierung des Hörsinns entstehen neuen Perspektiven und Eindrücke des durchschrittenen Raumes. Wie klingt die Umgebung Kannawurf und welche spezifischen Klangorte gibt es? Diesen Fragen folgend wanderte Riek mit offenen Ohren, Mikrofonen und Sensoren zu unterschiedlichen Jahreszeiten durch die Landschaft und zeichnete Klangorte auf.
    Ausgehend vom Schloss Kannawurf wurden 4 Klangorte sonifiziert und in Kompositionen überführt. Die Kompositionen sind nach zuhören.
    Innerhalb der Festivaltage wird Riek eine temporäre Klangperformance an der Burgruine Sachsenburg aufführen.

    1. Hörspaziergang „Obere Sachsenburg“ 20:48 Min.
    2. Hörspaziergang „Hainleite Höhe Kannawurf“ 21:52 Min.
    3. Hörspaziergang „KlangRaum Kindelbrück“ 25:52 Min.
    4. Hörspaziergang „Windkraftpark Sprötau“ 14:24 Min.

    Tina Flau, „Rosaceae“ – Landschafts-Kunst-Projekt für Kannawurf
    Künstlerische Gestaltungen in ausgewählten Hohlwegen und ehemaligen Obstplantagen der nördlichen Agrarflur von Kannawurf
    Die nördliche Agrarlandschaft von Kannawurf macht einen unwirklichen Eindruck. Der industrielle Landbau hat den Raum bis auf wenige ökologische und kulturhistorische Elemente entleert.
    Ich habe Orte gesucht, in denen noch eine Vielfalt lebt. Hier haben die wild bewachsenen Hohlwege und aufgelassenen Obstplantagen meine Zuneigung gefunden und ich sehe sie als bedroht an. Diese wichtigen Zeugnisse alter Landeskultur müssen geschützt und erhalten bleiben, zumal sie auch als Ausgangs- und Zielpunkte einer Wiederbelebung dienen können.
    Im Wappen von Kannawurf sind zwei Blüten von Rosaceaen (Rosengewächse) dargestellt. Die Bedeutung dieser Gattung kann nicht hoch genug eingeschätzt werden, für die ökologischen Prozesse und auch für unsere Ernährung (bekannte Obstarten).
    Generell geht es darum, dass die Landschaft wieder als ein Ort des Lebens positiv wahrgenommen werden kann; dazu sollen Aufenthalts- und Gestaltqualitäten entwickelt werden.

    Anne Baumann, Offener Brief der Wildpflanzen und Wildtiere der „Rabenhütte“
    In ihrem Offenen Brief wenden sich die Wildtiere und Wildpflanzen der „Rabenhütte“ bei Kannawurf direkt an die Menschen: sie fordern nicht nur einen Waffenstillstand, sondern auch, dass ihnen „soviel zurückerstattet werden muss, wie sie uns, den Menschen, gegeben haben.“ Ausgangspunkt ist der „Naturvertrag“ von Michel Serres, der einen neuen Gesellschaftsvertrag vorsieht, in dem Pflanzen, Tiere und die Welt (Natur) ebenso juristische Subjekte sind wie wir Menschen.
    Diese philosophische Idee findet in einigen Teilen der Welt bereits Anwendung und hat zum Ziel den Kriegszustand, in welchem sich die Menschheit mit der Welt (Natur) befindet, zu überwinden. Auch für die Region Kannawurf scheint diese Vision sinnvoll. Denn Gespräche mit der lokalen Bevölkerung haben gezeigt, dass der Landschaftswandel hin zu großflächigen Monokulturen nicht nur als Verlust der Artenvielfalt, sondern auch als Gefahr für die eigene Gesundheit und Eigentum wahrgenommen wird.
    Veröffentlicht wird der Offene Brief in einem Schaukasten, den ich aus jenem Müll gebaut habe, den manche Menschen mutwillig Schaden verursachend in die ehemalige Sandgrube „Rabenhüttte“ bei Kannawurf abgeladen haben. Der Schaukasten ist an der „Rabenhütte“ aufgestellt und auch im Internet werden die Wildpflanzen und Wildtiere der „Rabenhütte“ ihren Offenen Brief bekannt geben.

    Jens Klein, Dellen und Muster, 2022
    Mit dem Auto von Sachsenburg kommend Richtung Kannawurf, kurz vor der Kurve, ist eine kleine Vertiefung in der Straße, eine Delle. Beim Überfahren spürt man eine leichte Erschütterung. Kurz vor dem Ende des 2.Weltkrieges stürzte ein deutsches Flugzeug direkt neben der Straße hinter Kannawurf ab. Man konnte nichts sehen, weil die Stelle abgesperrt war, erzählte Frau Ernst im September 2021. Sie ist mit fast 100 Jahren die älteste Bewohnerin des Ortes.
    Auf der Suche nach dieser Delle fand ich Geschichten, die die Menschen in Kannawurf in den letzten 100 Jahren erlebten und Bilder sie bis heute begleiten. Für die älteren Bewohner*Innen, sind es vor allem der Krieg, die Vertreibung und Flucht, obwohl diese fast 80 Jahre zurückliegen.
    Schreiben sich geschichtliche Ereignisse und Veränderungen in die Landschaft ein, so wie sich das Erlebte ins Gedächtnis einprägt? Luftaufnahmen aus dem Zeitraum von 1944 bis zum Jahr 2020, die den Ort und die Landschaft um Kannawurf zeigen, sollen Auskunft geben.

    Ellen Brix, 6400 m²
    Diesem Projekt dient das artifizielle der Landschaftsarchitektur, hier Beispiel nehmend an einem Labyrinthentwurf von J. Peschel (1535-1599), im Kontrast zur flächendeckenden Monokultur der heutigen gewinnorientierten Agrarwirtschaft, als Grundlage. Der Gedanke der inneren Einkehr und des Zwiegesprächs auf dem Weg zum Zentrum des Labyrinths, im Spannungsfeld zur sich verlierenden Weite der Nutzlandschaft und der einseitigen, scheinbar unreflektierten Bebauung, sind der Ausgangspunkt dieser Arbeit.

    Ralf Hoyer, ZEITgeteilt-PLANETENSPIEL Klanginstallation
    Die Zeit beschreibt die Abfolge von Ereignissen, hat also eine eindeutige, nicht umkehrbare Richtung. Sie ist eine physikalische Größe. Das allgemein übliche Formelzeichen der Zeit ist t, ihre SI-Einheit ist die Sekunde s. Daraus leiten sich unmittelbar die Einheiten Minute und Stunde ab, mittelbar (über die Erdbewegung und gesetzlich festgelegte Schaltsekunden) auch Tag und Woche, dazu (abhängig vom Kalender) Monat, Jahr. Nachdem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nachgewiesen wurde, dass die Länge des mittleren Sonnentages unregelmäßigen Schwankungen unterliegt und langfristig zunimmt,[1] wurde die Ephemeridenzeit eingeführt, die auf der gleichmäßigeren Planetenbewegung beruhte (Wikipedia).
    Stellen Sie sich vor, die Venus liefe nicht in 5392,8 Stunden einmal um die Sonne, sondern in 2696,4 – also mit doppelter Frequenz. Diese Frequenz noch einmal verdoppelt ergäbe eine Umlaufzeit von 1348,2 Stunden… Schließlich, nach weiteren 30 Frequenzverdopplungen (oder Oktaven), wären wir mit 221,23 Umläufen der Venus um die Sonne pro Sekunde in einem Bereich, den wir hören könnten.
    In ZEITgeteilt / PLANETENSPIEL sind Klänge zu hören, die auf die beschriebene Weise aus den Umlaufzeiten der 8 Planeten abgeleitet sind. Für angemessene Transzendenzerfahrung möge bitte jede(r) selbst sorgen…

    Vitae der beteiligten Künstler :

    Carl Vetter
    geb. 1949 in Weimar
    1971 bis 78 Studium Freie Kunst an der HfBK in Hamburg bei Kai Sudeck
    Lebt seit 2010 in Langenapel bei Salzwedel
    Ab 1978 Einzel- und Gruppenausstellungen, sowie Stipendien im In- und Ausland: u.a.
    DAAD für Irland 1979/80, Stadt Hamburg 1982, Casa Baldi, Olevano Romano,Italien 1999, Kunstverein Röderhof 2004
    Entwicklung raumbezogener und audio – visueller Handlungskonzepte, vielfach mit Naturmaterialien in und für Landschafts- und Kulturräume im In- und Ausland, besonders Irland, sowie Portugal.
    www.carlvetter.de 

    Felicitas Fäßler
    geb. 1989 in Mindelheim,
    Januar 2019 Diplom
    2019 – 2013 Studium an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, Klasse Bild Raum Objekt Glas
    2010 – 2011 Studium Typografie und Fotografie an der Universidad de Palermo, Buenos Aires, Argentinien
    2012 – 2008 Studium Kommunikationsdesign Hochschule Augsburg, Abschluss BA
    www.felicitasfaessler.de

    Lasse-Marc Riek (geboren 1975 in Deutschland) ist Klangkünstler und arbeitet vielseitig mit den Geräuschen unserer Welt. Seit 1997 ist er mit Ausstellungen, Konzerten, Lehraufträgen und Workshop-Projekten international tätig und hat in Galerien, Künstlerhäusern, Kirchen und Museen gastiert. Dazu gehören das Museum für Kommunikation Frankfurt (D), die Schirnkunstalle Frankfurt (D), das ZKM Karlsruhe (D), das Norsk Teknisk Museum Oslo (NO), das Museo Reina Sofía Madrid (ES), das Art Center Beirut Lebanon (LB), die Galerie ONKAF New Delhi (IND), das Museum of Modern and Contemporary Art Roverto (IT), UNAM Art Gallery Namibia (NAM) und die Skylight Gallery New York (USA).
    Radiokompositionen hat er ua. für Deutschlandradio Kultur (DLR), den Hessischen Rundfunk (HR), den Westdeutschen Rundfunk (WDR) und für den Österreichischen Rundfunk (ORF) entwickelt. Er hatte Stipendien und AIR-Programme in Europa, dem Nahen Osten und Afrika inne. Preise und Auszeichnungen, unter anderem durch die Junge Akademie, Akademie der Wissenschaften Berlin (D), Wildlife Sound Recording Society Competition (UK), Prix Phonurgia Nova (F), Grand Prix Nova (RO) und Quartz Electronic Music Award (F).
    Er hat 2001 gemeinsam mit Roland Etzin das Label Gruenrekorder gegründet, eine Plattform für Klanglandschaften, Feldaufnahmen und elektroakustische Kompositionen von internationalen Künstler*innen und Wissenschaftler*innen.
    https://lasse-marc-riek.de/

    Tina Flau,
    1962 geboren in Scharnebeck
    1981- 88 landwirtschaftliche Lehre und Studium der Agrarwirtschaft  
    1988-91 Studium Malerei/Grafik Kunsthochschule Alfter bei Bonn
    1994-99 Studium Malerei/Grafik Hochschule für Bildende Künste Dresden
    1999-2001 Meisterschülerin und Tutorin bei Ulrike Grossarth in Dresden, HfBK
    seit 2001 freischaffende Künstlerin in Potsdam
    Zahlreiche Ausstellungen, Preise, Stipendien und Ankäufe im In- und Ausland
    www.tina-flau.de

    Anne Baumann
    seit 2021 Mitglied futurös e.V.
    seit 2015 korrespondierendes Mitglied der Akademie der Künste Sachsen-Anhalt
    2006-2012: Kunststudium an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, Diplomabschluss Freie Kunst
    2002-2006: Studium der Forstwissenschaften an der Technische Universität, Dresden, Studienschwerpunkt: Allgemeine Ökologie und Umweltschutz, Bachelorabschluss

    Jens Klein
    (*1970 in Apolda) nahm an zahlreichen Gruppen- und Einzelausstellungen teil: u. a. im Hartware MedienKunstVerein (HMKV), der Villa Stuck, dem Münchner Stadtmuseum, im Albertinum/Staatliche Kunstsammlungen Dresden, der GfZK Leipzig, dem Photomuseum Braunschweig, der Kunsthalle Erfurt und dem Museum Folkwang. Als Einzelpublikationen erschienen u.a. Hundewege. Index eines konspirativen Alltag, Bewerber/Bewerberinnen, Helle Nacht, und Sunset. 2017 erhielt er den Dokumentarfotografie-Förderpreis der Wüstenrot Stiftung und 2021 das Projektstipendium der DZ Bank Kunststiftung. Jens Klein lebt und arbeitet in Leipzig.

    Ellen Brix
    1983 in Halle geboren und über Umwege (Arbeit in einer sozial integrativen Tischlerei, Hispanistik- und Kunstgeschichts-Studium) zum Tanz gekommen.
    Studium von Tanz und Pädagogik in Dresden und Wien. Abschluss mit Diplom.
    Seit 2010 Arbeit als freie Tanzpädagogin und Choreografin.
    2011 Eröffnung des Tanzbetrieb als Raum für zeitgenössischen Tanz in Halle.
    2016 Gründung des Tanztheater Anuk.
    Seit 2016 Mitglied der Akademie der Künste S-A e.V.
    2018-2020 Ausbildung und Abschluss zur zertifizierten Rolferin™.

    Ralf Hoyer
    1950 geboren in Berlin / Tonmeisterstudium an der Hochschule für Musik “Hanns Eisler“ Berlin/ 1977-1980 Meisterschüler für Komposition an der Akademie der Künste bei Ruth Zechlin und Georg Katzer, seitdem freischaffend / Kompositionen für kammermusikalische Besetzungen, Chor, Orchester, Kammeroper und elektroakustische Musik / Arbeiten für Hörspiel, Theater und Film / Entwicklung und Realisation von MusikTheaterInstallationen, multimedialen Projekten und Klanginstallationen / verschiedene Preise, Stipendien und Arbeitsaufenthalte, darunter Rom-Stipendium der Bundesregierung für die Casa Baldi/Olevano Romano 2015.
    www.ralfhoyer.de 

  • RESONANZEN_ ein Landschaftskunstprojekt in Thüringen

    RESONANZEN_ ein Landschaftskunstprojekt in Thüringen

    Termin: 14.05.-15.05. 2022  Ι   Beginn: 14.05.2022, 13.00 Uhr  Ι  Eintritt frei

    Ort:  Künstlerhaus Thüringen e.V.  Ι  Schloss Kannawurf  Ι  06578 Kannawurf  Ι  Schlossplan 1

    „Ich hatte immer gedacht, ein Gärtner oder Landwirt würde die Natur besser kennen als ich. Weit gefehlt. Von der Natur sieht am meisten der Künstler“ Béla Hamvas (1897-1968)

    Die Kannawurfer Landschaft ist heute geprägt von industrieller Landwirtschaft, von endlosen Feldschlägen, Maisfeldern für die Biogasgewinnung, weitausholenden, einander überschneidenden Horizontlinien, kaum Baumbestand. Alte Wege sind überpflügt, die Wegerandbepflanzung mit Obstbäumen und Gehölzen ist nur noch rudimentär vorhanden.

    In diese Landschaft haben die Akademie der Künste Sachsen-Anhalt und das Künstlerhaus Thüringen 8 Künstler eingeladen, sich während Stipendienaufenthalten im Schloss ein Bild zu machen von der Situation dieser Landschaft, ihren Problemen und ihren Möglichkeiten.

    Dem Projekt vorausgegangen war im Mai 2021 ein dreitägiges interdisziplinäres Symposium RESONANZEN _Landschaft / Natur und Kunst im Kontext, flankiert von einer thematischen Ausstellung. Eingeladen durch die Akademie der Künste Sachsen-Anhalt und das Künstlerhaus Thüringen stellten 15 Referenten das breite thematische Spektrum Kunst und Landschaft dar.

    Am Samstag 14.05. und Sonntag 15.05 werden nun in den Räumen des Schlosses und an verschiedenen Orten in der Landschaft die Ergebnisse der künstlerischen Arbeit der Stipendiaten präsentiert. Es wird Performances, Ausstellungen und geführte Wanderungen zu den Orten in der Landschaft geben.
    Eine abschließende Publikation wird im Anschluß die Projektergebnisse umfangreich dokumentieren.

    ein Projekt der Akademie der Künste Sachsen-Anhalt und des Künstlerhaus Thüringen

    Akademie der Künste Sachsen-Anhalt  Ι  Posthornweg 3, 04118 Halle/Saale   Ι   info@adk-san.de   Ι  www.adk-san.de            

    Gefördert durch:   
    Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft
    Robert Bosch Stiftung, Projekt Neulandgewinner – Zukunft erfinden vor Ort

    kombimarke gefoerdertbmel ble ptble

    Ablaufplan mit Kurzinfotexten:

    Samstag, 14.5.2022

    13:00 Uhr Kornboden Schloss:
                    – Begrüßung
                    – Felicitas Fässler, PLAN – weiße Flecken
                    – Jens Klein, Dellen und Muster
                    – Ellen Brix, 6400 qm
                    – Erfrischungen
    14:30 Uhr Schlossvorplatz:
                    – Aufbruch zur Sachsenburg
    15:00 Uhr Sachsenburg:
                    – Lasse-Marc Riek, KlangKompassKannawurf Klanginstallation (ca. 30 min)
                    – Carl Vetter, LOIPE, (Fußweg zur Blühwiese)                      
                    – 16:30 Uhr Wanderung von der Blühwiese nach Kannawurf (2 h)
    ca. 18 Uhr Rabenhütte:
                    – Anne Baumann, Offener Brief der Wildpflanzen und Wildtiere der „Rabenhütte“
                    – ca. 19.00 Eintreffen Kannawurf
                    – Wein, Bier, Imbiss für Künstlerinnen und Gäste
                    – 21.30 Carl Vetter, LICHT – BLICK, Performance

                    Sonntag, 15.5.2022

    10:30 Uhr Kornboden:
                    – Felicitas Fässler, weiße Flecken
                    – Jens Klein, Dellen und Muster
                    – Ellen Brix, 6400 m2
    11:30 Uhr Renaissancegarten:
                    – Ralf Hoyer, ZEITgeteilt-PLANETENSPIEL, Klanginstallation
    12:30 Uhr, Schlossvorplatz:
                    – Felicitas Fäßler, weiße Flecken 
                    – Tina Flau, Rosacea, geführter Spaziergang: Hohlweg, Totenhügel, Rabenhütte, Streuobstwiese, 

    Kurzdarstellung der Projekte:

    Carl Vetter, KANNAWURF_ nah und fern
    ‚LOIPE‘ : eine versteckte Blühwiese oberhalb des Dorfes Sachsenburg.
    Das Gelände ist an den Rändern mit grünen Holzstäben gekennzeichnet. Folgt der Betrachter den Markierungen, umrundet er das gesamte Areal. An vielen Seiten begrenzt dichter Wald die Sicht, immer wieder öffnet sich das geschwungene Gelände auch auf weit ins Land reichende Fernsichten. Sich bewusst mit allen Sinnen auf dieses beispielhafte Stück Land einzulassen ist die Idee für diese Arbeit.

    ‚LICHT – BLICK‘ :   eine langgestreckte Wiese am steilen Berghang auf der anderen Seite der Unstrut, schräg gegenüber der Sachsenburg. Auf dem Gelände wird eine Linie abgesteckt, die durch die Auseinandersetzung mit dem Umfeld und dem Bewuchs an den Rändern abgeleitet ist. Bei Dunkelheit wird die Linie durch das flackernde Licht brennender Wachsfackeln weithin sichtbar. Etwa eine dreiviertel Stunde lang kann das Auftauchen und wieder Verlöschen der Flammen beobachtet werden. Aufgrund des großem Abstandes des Betrachters wird auch das gesamte Umfeld wahrgenommen, das Eingebettetsein der Wiese in die sie umgebende Landschaft.

    Felicitas Fäßler, weisse Flecken
    Eine Sandgrube, ein Hohlweg, eine Streuobstwiese mit abgestorbenen Bäumen … solche Biotope rings um Kannawurf sind Ausgangspunkt für die Arbeit, die im Rahmen des „Resonanzen Landschaftskunstprojekts“ entstanden ist. Inselgleich treten die Orte zwischen den riesigen, gleichmäßig gefurchten Äckern hervor. Grüne Wegmarken auf monochromem Grund. 
    In Anlehnung an das orientierungsstiftende Werkzeug der Karte, werden die Orte aus der Vogelperspektive gezeigt. Die Motive basieren auf 3D-Modellen, die aus Datensätzen geodätischer Landschaftsvermessung erstellt und partiell mit Satellitenbildern koloriert wurden.
    Analog zu den weißen Flecken, die das unerschlossene Gebiet auf alten Plänen bezeichneten und heute sprichwörtlich ein unbekanntes Wissensgebiet markieren, bleiben die Texturen der Modelle teilweise ausgespart. Gefaltet als Landkarten können die Bilder in das Gelände zurückgetragen und mit individuellen Eindrücken abgeglichen werden.

    Lasse-Marc Riek, KlangKompassKannawurf – Ein Soundatlas aus 4 Himmelsrichtungen von Lasse-Marc Riek
    Mit den Ohren sehen
    Jeder Ort hat seinen spezifischen Klang, jede Situation klingt anders. Die aus der kanadischen Soundscape-Bewegung entwickelte Methode der Hörspaziergänge beinhaltet die Erkundung von Umgebungen, Orten und Situationen mit Konzentration auf das Geräusch. Über die Sensibilisierung des Hörsinns entstehen neuen Perspektiven und Eindrücke des durchschrittenen Raumes. Wie klingt die Umgebung Kannawurf und welche spezifischen Klangorte gibt es? Diesen Fragen folgend wanderte Riek mit offenen Ohren, Mikrofonen und Sensoren zu unterschiedlichen Jahreszeiten durch die Landschaft und zeichnete Klangorte auf.
    Ausgehend vom Schloss Kannawurf wurden 4 Klangorte sonifiziert und in Kompositionen überführt. Die Kompositionen sind nach zuhören.
    Innerhalb der Festivaltage wird Riek eine temporäre Klangperformance an der Burgruine Sachsenburg aufführen.

    1. Hörspaziergang „Obere Sachsenburg“ 20:48 Min.
    2. Hörspaziergang „Hainleite Höhe Kannawurf“ 21:52 Min.
    3. Hörspaziergang „KlangRaum Kindelbrück“ 25:52 Min.
    4. Hörspaziergang „Windkraftpark Sprötau“ 14:24 Min.

    Tina Flau, „Rosaceae“ – Landschafts-Kunst-Projekt für Kannawurf
    Künstlerische Gestaltungen in ausgewählten Hohlwegen und ehemaligen Obstplantagen der nördlichen Agrarflur von Kannawurf
    Die nördliche Agrarlandschaft von Kannawurf macht einen unwirklichen Eindruck. Der industrielle Landbau hat den Raum bis auf wenige ökologische und kulturhistorische Elemente entleert.
    Ich habe Orte gesucht, in denen noch eine Vielfalt lebt. Hier haben die wild bewachsenen Hohlwege und aufgelassenen Obstplantagen meine Zuneigung gefunden und ich sehe sie als bedroht an. Diese wichtigen Zeugnisse alter Landeskultur müssen geschützt und erhalten bleiben, zumal sie auch als Ausgangs- und Zielpunkte einer Wiederbelebung dienen können.
    Im Wappen von Kannawurf sind zwei Blüten von Rosaceaen (Rosengewächse) dargestellt. Die Bedeutung dieser Gattung kann nicht hoch genug eingeschätzt werden, für die ökologischen Prozesse und auch für unsere Ernährung (bekannte Obstarten).
    Generell geht es darum, dass die Landschaft wieder als ein Ort des Lebens positiv wahrgenommen werden kann; dazu sollen Aufenthalts- und Gestaltqualitäten entwickelt werden.

    Anne Baumann, Offener Brief der Wildpflanzen und Wildtiere der „Rabenhütte“
    In ihrem Offenen Brief wenden sich die Wildtiere und Wildpflanzen der „Rabenhütte“ bei Kannawurf direkt an die Menschen: sie fordern nicht nur einen Waffenstillstand, sondern auch, dass ihnen „soviel zurückerstattet werden muss, wie sie uns, den Menschen, gegeben haben.“ Ausgangspunkt ist der „Naturvertrag“ von Michel Serres, der einen neuen Gesellschaftsvertrag vorsieht, in dem Pflanzen, Tiere und die Welt (Natur) ebenso juristische Subjekte sind wie wir Menschen.
    Diese philosophische Idee findet in einigen Teilen der Welt bereits Anwendung und hat zum Ziel den Kriegszustand, in welchem sich die Menschheit mit der Welt (Natur) befindet, zu überwinden. Auch für die Region Kannawurf scheint diese Vision sinnvoll. Denn Gespräche mit der lokalen Bevölkerung haben gezeigt, dass der Landschaftswandel hin zu großflächigen Monokulturen nicht nur als Verlust der Artenvielfalt, sondern auch als Gefahr für die eigene Gesundheit und Eigentum wahrgenommen wird.
    Veröffentlicht wird der Offene Brief in einem Schaukasten, den ich aus jenem Müll gebaut habe, den manche Menschen mutwillig Schaden verursachend in die ehemalige Sandgrube „Rabenhüttte“ bei Kannawurf abgeladen haben. Der Schaukasten ist an der „Rabenhütte“ aufgestellt und auch im Internet werden die Wildpflanzen und Wildtiere der „Rabenhütte“ ihren Offenen Brief bekannt geben.

    Jens Klein, Dellen und Muster, 2022
    Mit dem Auto von Sachsenburg kommend Richtung Kannawurf, kurz vor der Kurve, ist eine kleine Vertiefung in der Straße, eine Delle. Beim Überfahren spürt man eine leichte Erschütterung. Kurz vor dem Ende des 2.Weltkrieges stürzte ein deutsches Flugzeug direkt neben der Straße hinter Kannawurf ab. Man konnte nichts sehen, weil die Stelle abgesperrt war, erzählte Frau Ernst im September 2021. Sie ist mit fast 100 Jahren die älteste Bewohnerin des Ortes.
    Auf der Suche nach dieser Delle fand ich Geschichten, die die Menschen in Kannawurf in den letzten 100 Jahren erlebten und Bilder sie bis heute begleiten. Für die älteren Bewohner*Innen, sind es vor allem der Krieg, die Vertreibung und Flucht, obwohl diese fast 80 Jahre zurückliegen.
    Schreiben sich geschichtliche Ereignisse und Veränderungen in die Landschaft ein, so wie sich das Erlebte ins Gedächtnis einprägt? Luftaufnahmen aus dem Zeitraum von 1944 bis zum Jahr 2020, die den Ort und die Landschaft um Kannawurf zeigen, sollen Auskunft geben.

    Ellen Brix, 6400 m²
    Diesem Projekt dient das artifizielle der Landschaftsarchitektur, hier Beispiel nehmend an einem Labyrinthentwurf von J. Peschel (1535-1599), im Kontrast zur flächendeckenden Monokultur der heutigen gewinnorientierten Agrarwirtschaft, als Grundlage. Der Gedanke der inneren Einkehr und des Zwiegesprächs auf dem Weg zum Zentrum des Labyrinths, im Spannungsfeld zur sich verlierenden Weite der Nutzlandschaft und der einseitigen, scheinbar unreflektierten Bebauung, sind der Ausgangspunkt dieser Arbeit.

    Ralf Hoyer, ZEITgeteilt-PLANETENSPIEL Klanginstallation
    Die Zeit beschreibt die Abfolge von Ereignissen, hat also eine eindeutige, nicht umkehrbare Richtung. Sie ist eine physikalische Größe. Das allgemein übliche Formelzeichen der Zeit ist t, ihre SI-Einheit ist die Sekunde s. Daraus leiten sich unmittelbar die Einheiten Minute und Stunde ab, mittelbar (über die Erdbewegung und gesetzlich festgelegte Schaltsekunden) auch Tag und Woche, dazu (abhängig vom Kalender) Monat, Jahr. Nachdem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nachgewiesen wurde, dass die Länge des mittleren Sonnentages unregelmäßigen Schwankungen unterliegt und langfristig zunimmt,[1] wurde die Ephemeridenzeit eingeführt, die auf der gleichmäßigeren Planetenbewegung beruhte (Wikipedia).
    Stellen Sie sich vor, die Venus liefe nicht in 5392,8 Stunden einmal um die Sonne, sondern in 2696,4 – also mit doppelter Frequenz. Diese Frequenz noch einmal verdoppelt ergäbe eine Umlaufzeit von 1348,2 Stunden… Schließlich, nach weiteren 30 Frequenzverdopplungen (oder Oktaven), wären wir mit 221,23 Umläufen der Venus um die Sonne pro Sekunde in einem Bereich, den wir hören könnten.
    In ZEITgeteilt / PLANETENSPIEL sind Klänge zu hören, die auf die beschriebene Weise aus den Umlaufzeiten der 8 Planeten abgeleitet sind. Für angemessene Transzendenzerfahrung möge bitte jede(r) selbst sorgen…

    Vitae der beteiligten Künstler :

    Carl Vetter
    geb. 1949 in Weimar
    1971 bis 78 Studium Freie Kunst an der HfBK in Hamburg bei Kai Sudeck
    Lebt seit 2010 in Langenapel bei Salzwedel
    Ab 1978 Einzel- und Gruppenausstellungen, sowie Stipendien im In- und Ausland: u.a.
    DAAD für Irland 1979/80, Stadt Hamburg 1982, Casa Baldi, Olevano Romano,Italien 1999, Kunstverein Röderhof 2004
    Entwicklung raumbezogener und audio – visueller Handlungskonzepte, vielfach mit Naturmaterialien in und für Landschafts- und Kulturräume im In- und Ausland, besonders Irland, sowie Portugal.
    www.carlvetter.de 

    Felicitas Fäßler
    geb. 1989 in Mindelheim,
    Januar 2019 Diplom
    2019 – 2013 Studium an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, Klasse Bild Raum Objekt Glas
    2010 – 2011 Studium Typografie und Fotografie an der Universidad de Palermo, Buenos Aires, Argentinien
    2012 – 2008 Studium Kommunikationsdesign Hochschule Augsburg, Abschluss BA
    www.felicitasfaessler.de

    Lasse-Marc Riek (geboren 1975 in Deutschland) ist Klangkünstler und arbeitet vielseitig mit den Geräuschen unserer Welt. Seit 1997 ist er mit Ausstellungen, Konzerten, Lehraufträgen und Workshop-Projekten international tätig und hat in Galerien, Künstlerhäusern, Kirchen und Museen gastiert. Dazu gehören das Museum für Kommunikation Frankfurt (D), die Schirnkunstalle Frankfurt (D), das ZKM Karlsruhe (D), das Norsk Teknisk Museum Oslo (NO), das Museo Reina Sofía Madrid (ES), das Art Center Beirut Lebanon (LB), die Galerie ONKAF New Delhi (IND), das Museum of Modern and Contemporary Art Roverto (IT), UNAM Art Gallery Namibia (NAM) und die Skylight Gallery New York (USA).
    Radiokompositionen hat er ua. für Deutschlandradio Kultur (DLR), den Hessischen Rundfunk (HR), den Westdeutschen Rundfunk (WDR) und für den Österreichischen Rundfunk (ORF) entwickelt. Er hatte Stipendien und AIR-Programme in Europa, dem Nahen Osten und Afrika inne. Preise und Auszeichnungen, unter anderem durch die Junge Akademie, Akademie der Wissenschaften Berlin (D), Wildlife Sound Recording Society Competition (UK), Prix Phonurgia Nova (F), Grand Prix Nova (RO) und Quartz Electronic Music Award (F).
    Er hat 2001 gemeinsam mit Roland Etzin das Label Gruenrekorder gegründet, eine Plattform für Klanglandschaften, Feldaufnahmen und elektroakustische Kompositionen von internationalen Künstler*innen und Wissenschaftler*innen.
    https://lasse-marc-riek.de/

    Tina Flau,
    1962 geboren in Scharnebeck
    1981- 88 landwirtschaftliche Lehre und Studium der Agrarwirtschaft  
    1988-91 Studium Malerei/Grafik Kunsthochschule Alfter bei Bonn
    1994-99 Studium Malerei/Grafik Hochschule für Bildende Künste Dresden
    1999-2001 Meisterschülerin und Tutorin bei Ulrike Grossarth in Dresden, HfBK
    seit 2001 freischaffende Künstlerin in Potsdam
    Zahlreiche Ausstellungen, Preise, Stipendien und Ankäufe im In- und Ausland
    www.tina-flau.de

    Anne Baumann
    seit 2021 Mitglied futurös e.V.
    seit 2015 korrespondierendes Mitglied der Akademie der Künste Sachsen-Anhalt
    2006-2012: Kunststudium an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, Diplomabschluss Freie Kunst
    2002-2006: Studium der Forstwissenschaften an der Technische Universität, Dresden, Studienschwerpunkt: Allgemeine Ökologie und Umweltschutz, Bachelorabschluss

    Jens Klein
    (*1970 in Apolda) nahm an zahlreichen Gruppen- und Einzelausstellungen teil: u. a. im Hartware MedienKunstVerein (HMKV), der Villa Stuck, dem Münchner Stadtmuseum, im Albertinum/Staatliche Kunstsammlungen Dresden, der GfZK Leipzig, dem Photomuseum Braunschweig, der Kunsthalle Erfurt und dem Museum Folkwang. Als Einzelpublikationen erschienen u.a. Hundewege. Index eines konspirativen Alltag, Bewerber/Bewerberinnen, Helle Nacht, und Sunset. 2017 erhielt er den Dokumentarfotografie-Förderpreis der Wüstenrot Stiftung und 2021 das Projektstipendium der DZ Bank Kunststiftung. Jens Klein lebt und arbeitet in Leipzig.

    Ellen Brix
    1983 in Halle geboren und über Umwege (Arbeit in einer sozial integrativen Tischlerei, Hispanistik- und Kunstgeschichts-Studium) zum Tanz gekommen.
    Studium von Tanz und Pädagogik in Dresden und Wien. Abschluss mit Diplom.
    Seit 2010 Arbeit als freie Tanzpädagogin und Choreografin.
    2011 Eröffnung des Tanzbetrieb als Raum für zeitgenössischen Tanz in Halle.
    2016 Gründung des Tanztheater Anuk.
    Seit 2016 Mitglied der Akademie der Künste S-A e.V.
    2018-2020 Ausbildung und Abschluss zur zertifizierten Rolferin™.

    Ralf Hoyer
    1950 geboren in Berlin / Tonmeisterstudium an der Hochschule für Musik “Hanns Eisler“ Berlin/ 1977-1980 Meisterschüler für Komposition an der Akademie der Künste bei Ruth Zechlin und Georg Katzer, seitdem freischaffend / Kompositionen für kammermusikalische Besetzungen, Chor, Orchester, Kammeroper und elektroakustische Musik / Arbeiten für Hörspiel, Theater und Film / Entwicklung und Realisation von MusikTheaterInstallationen, multimedialen Projekten und Klanginstallationen / verschiedene Preise, Stipendien und Arbeitsaufenthalte, darunter Rom-Stipendium der Bundesregierung für die Casa Baldi/Olevano Romano 2015.
    www.ralfhoyer.de 

  • KOPFÜBER – KOPFUNTER, FRIEDER HEINZE

    vom 08. 03. bis 06. 06. 2022
    im KUNSTMUSEUM MAGDEBURG KLOSTER UNSER LIEBEN FRAUEN

    Die Bilder Frieder Heinzes scheinen ein Fenster in eine Art Paralleluniversum zu öffnen. Merkwürdige Wesen bevölkern es. Kleine Monster blicken uns aus großen, runden Augen an, Autos fliegen herum, Tiere gesellen sich dazu. Die Werke Frieder Heinzes sind richtungslos – Kopfüber-Kopfunter.

    Frieder Heinze wurde 1950 in Leipzig geboren und lebt seit 1991 in Großpelsen, Leisnig. Er studierte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig bei Werner Tübke und Wolfgang Mattheuer, wurde anschließend Meisterschüler bei Tübke und Bernhard Heisig. Ab 1977 beginnt Heinze mit bildhauerischer Arbeit bei Günther Huniat und arbeitet freischaffend in Leipzig. Schon zu Studienzeiten knüpfte Heinze intensive künstlerische Kontakte zu „unangepassten“ Künstlern und war 1984 Mitinitiator der wohl bedeutendsten non-konformen Ausstellung in der DDR, dem 1. Leipziger Herbstsalon.

    Die Werke Frieder Heinzes laden dazu ein, seine eigenen Geschichten in den Bildern zu lesen. Sie mögen auf den ersten Blick kindlich-naiv anmuten, doch die rätselhafte Zusammensetzung von Figur, Form und Farbe lässt alles offen, macht jedes Bild zu einem Rätsel, das sein Geheimnis nie preisgeben wird.

    {gallery}2022/Frieder{/gallery}

  • KOPFÜBER – KOPFUNTER, FRIEDER HEINZE

    vom 08. 03. bis 06. 06. 2022
    im KUNSTMUSEUM MAGDEBURG KLOSTER UNSER LIEBEN FRAUEN

    Die Bilder Frieder Heinzes scheinen ein Fenster in eine Art Paralleluniversum zu öffnen. Merkwürdige Wesen bevölkern es. Kleine Monster blicken uns aus großen, runden Augen an, Autos fliegen herum, Tiere gesellen sich dazu. Die Werke Frieder Heinzes sind richtungslos – Kopfüber-Kopfunter.

    Frieder Heinze wurde 1950 in Leipzig geboren und lebt seit 1991 in Großpelsen, Leisnig. Er studierte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig bei Werner Tübke und Wolfgang Mattheuer, wurde anschließend Meisterschüler bei Tübke und Bernhard Heisig. Ab 1977 beginnt Heinze mit bildhauerischer Arbeit bei Günther Huniat und arbeitet freischaffend in Leipzig. Schon zu Studienzeiten knüpfte Heinze intensive künstlerische Kontakte zu „unangepassten“ Künstlern und war 1984 Mitinitiator der wohl bedeutendsten non-konformen Ausstellung in der DDR, dem 1. Leipziger Herbstsalon.

    Die Werke Frieder Heinzes laden dazu ein, seine eigenen Geschichten in den Bildern zu lesen. Sie mögen auf den ersten Blick kindlich-naiv anmuten, doch die rätselhafte Zusammensetzung von Figur, Form und Farbe lässt alles offen, macht jedes Bild zu einem Rätsel, das sein Geheimnis nie preisgeben wird.

    {gallery}2022/Frieder{/gallery}

  • KOPFÜBER – KOPFUNTER, FRIEDER HEINZE

    vom 08. 03. bis 06. 06. 2022
    im KUNSTMUSEUM MAGDEBURG KLOSTER UNSER LIEBEN FRAUEN

    Die Bilder Frieder Heinzes scheinen ein Fenster in eine Art Paralleluniversum zu öffnen. Merkwürdige Wesen bevölkern es. Kleine Monster blicken uns aus großen, runden Augen an, Autos fliegen herum, Tiere gesellen sich dazu. Die Werke Frieder Heinzes sind richtungslos – Kopfüber-Kopfunter.

    Frieder Heinze wurde 1950 in Leipzig geboren und lebt seit 1991 in Großpelsen, Leisnig. Er studierte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig bei Werner Tübke und Wolfgang Mattheuer, wurde anschließend Meisterschüler bei Tübke und Bernhard Heisig. Ab 1977 beginnt Heinze mit bildhauerischer Arbeit bei Günther Huniat und arbeitet freischaffend in Leipzig. Schon zu Studienzeiten knüpfte Heinze intensive künstlerische Kontakte zu „unangepassten“ Künstlern und war 1984 Mitinitiator der wohl bedeutendsten non-konformen Ausstellung in der DDR, dem 1. Leipziger Herbstsalon.

    Die Werke Frieder Heinzes laden dazu ein, seine eigenen Geschichten in den Bildern zu lesen. Sie mögen auf den ersten Blick kindlich-naiv anmuten, doch die rätselhafte Zusammensetzung von Figur, Form und Farbe lässt alles offen, macht jedes Bild zu einem Rätsel, das sein Geheimnis nie preisgeben wird.

    {gallery}2022/Frieder{/gallery}

  • Ronneburg.Semipalatinsk | Landschaft und Mensch im Wechsel ihrer Wirkungen

    Die Landschaft ermöglicht und prägt als geografischer Bezugsraum das Leben der in ihr lebenden Menschen. Umgekehrt ist sie als Bühne menschlicher Handlungen aber auch Produkt ihrer Einflüsse und Gestaltungen.

     

    Offiziell werden in Deutschland mehr als zwanzig Landschaftstypen unterschieden, von denen die allermeisten als Kulturlandschaften, also genutzte Landschaften gelten (1). Auch das Wort Landschaft selbst hatte ursprünglich weniger mit Natur zu tun als mit ihrer Einhegung und Nutzbarmachung. Erst die jüngere Kunst- und Kulturgeschichte brachte die Kategorie ‚Landschaft‘ als ästhetisch aufgefassten Erfahrungsraum hervor. Der Kulturphilosoph Georg Simmel schrieb 1913, dass Landschaft noch nicht damit gegeben sei, „dass allerhand Dinge nebeneinander auf einem Stück Erdboden ausgebreitet sind und unmittelbar angeschaut werden.“ (2) Das Bewusstsein für Landschaft müsse vielmehr „ein neues Ganzes, Einheitliches haben, über die Elemente hinweg, an ihre Sonderbedeutungen nicht gebunden und aus ihnen nicht mechanisch zusammengesetzt.“ Was wir als Landschaft wahrnehmen und wie wir sie wahrnehmen, ist demnach abhängig von kulturellen Prägungen, von individuellen und kollektiven Erfahrungen. Als menschliche Subjekte erzeugen wir die Landschaft in unseren Köpfen, konstruieren sie aus dem, was wir vorfinden, bereits wissen und gesehen haben. Simmel nennt diesen Wahrnehmungsvorgang einen „eigentümlichen geistigen Prozess“ (3). Neben jeder individuell wahrgenommenen Landschaft müssen also auch unendlich viele weitere ungesehene existieren.

    Wenn wir uns in eine Landschaft begeben, können wir ihre Elemente über die Sinne erfahren. Sie riecht, tönt, ist begehbar, enthält Formen und Struktur. Es gibt sogar unmittelbare physiologische und psychische Reaktionen auf ihr Erleben. Beim Spaziergang in einem Waldgebiet senkt sich nachweislich der Blutdruck, die Herzfrequenz und die Konzentration von Stresshormonen.(4) Terpene als aromatische Botenstoffe verändern Gehirnvorgänge, wirken immunstimulierend.(5) Naturgeräusche, wie wir sie etwa in Flusslandschaften zu hören bekommen, lassen das Schmerzempfinden sinken und die kognitive Leistungsfähigkeit ansteigen.(6) Ein weiterer Schlüsselreiz mit vielfältigen Wirkungen ist die Farbe.
    Der Farbforscher Axel Buether schreibt, dass es unmöglich ist, Farbe losgelöst von Gefühlen und Assoziationen wahrzunehmen und begründet das mit der Physiologie des Sehapparates. Der „Datenstrom der Farbsignale“(7) führe direkt durch den Thalamus, ein Gehirnareal, das als „Tor zum Bewusstsein“ für Emotionen verantwortlich ist. Noch bevor wir also den Farbton des Meeres, eines Gewerbegebietes oder einer Nebellandschaft bewusst wahrnehmen, haben wir diesen schon gefühlt und erleben die psychischen und körperlichen Reaktionen darauf — bis hin zu Veränderungen der Körpertemperatur.

    Die subtileren wechselseitigen Einflüsse zwischen Mensch und Landschaft, mit denen sich Künstler oder Geomanten beschäftigen, gelten als weniger objektiv. Vertraut sind uns aber ihre Symboliken, die wir je nach kultureller Prägung verinnerlicht haben und mit der wir rückwirkend die Landschaft betrachten und deuten. Landschaft wird so zum Spiegel und kann als offen oder verschlossen, karg oder üppig, schroff oder sanft, dramatisch oder lyrisch empfunden werden. Umweltpsychologen und Kulturanthropologen erforschen solche assoziativen Wechselwirkungen und holen diese zurück in den Raum der objektiven Wissenschaft. Die weiträumige norddeutsche Landschaft beispielsweise vermittelt den dort Lebenden laut einer Umfrage ein Gefühl von Freiheit (8). Und ein internationales Forscherteam fand heraus, dass Menschen in Bergregionen im Vergleich zu Personen aus flacheren Regionen emotional stabiler, aber auch introvertierter sind. (9)

    Natürliche Landschaften unterliegen einer fortwährenden Wandlung durch Erosion oder die Einflüsse der Biosphäre. Der Mensch hat technologische Kräfte entfaltet, die in ihrer Dynamik alle anderen Einflüsse übersteigen. Selbst klimatische Veränderungen oder Naturkatastrophen lassen sich kaum noch als vom Menschen getrennte Phänomene wahrnehmen. Es gibt nicht wenige Wissenschaftler, die für die Idee eines Erdzeitalters namens „Anthropozän“ plädieren — einer ganzen geologischen Epoche benannt nach dem Lebewesen, das die Gestalt der äußeren Hülle des Planeten prägt. Die Landschaft als einen zu bewahrenden Schatz zu begreifen, ist eine Haltung die unserer derzeitigen Lebensweise widerspricht. Kategorien wie ‚heilig‘ oder ‚unantastbar‘ finden keine Anwendung; alles ist im Widerstreit der Interessen auszuhandeln. Die Belange des Schutzes unterliegen so in vielen Fällen dem wirtschaftlichen Willen, aus einer Landschaft eine auszubeutende Ressource zu machen oder Infrastrukturprojekte in ihr zu realisieren. Autobahnen zerschneiden Flussauen, Bohrer perforieren Grasland, Hotelbauten bepflastern Küstenstreifen, Sojaplantagen verdrängen Regenwald.

    Der noch junge Fachbegriff ‚Solastalgie‘ bezeichnet ein Verlustgefühl, das Menschen belastet, wenn sie Veränderungen und Zerstörung ihres heimatlichen Lebensraumes erleben müssen — etwa durch Katastrophen und Krieg, aber auch durch Rodungen, Bergbau oder Industrialisierung. Als sich die Umgebung der Kurstadt Ronneburg im Zuge der bergbaulichen Erschließung nach 1949 rasant zu verändern begann, stand dieses Wort noch nicht zur Verfügung. In der Logik des beginnenden Kalten Krieges war die Möglichkeit der Förderung von Uran gleichbedeutend mit der Frage der Existenz. Nur wer genug Uran förderte und zu waffenfähigem Material aufbereitete, so die Logik der Abschreckung, konnte sicher gehen nicht angegriffen zu werden. Der mineralische Schatz unter Ronneburg, das größte Uranvorkommen Europas, bestimmte das Schicksal der Kulturlandschaft nahe der Stadt. Das Gessental zwischen Gera und Ronneburg ähnelte zuvor den idealtypischen Sonntagslandschaften des 19. Jahrhunderts, die mit Wörtern wie „lieblich“ und „idyllisch“ umschrieben werden konnten. Das Motiv einer Wassermühle fand sich gleich mehrfach in ihr, ebenso mäandernde Bachläufe, Felsvorsprünge und Bauminseln. In dieser Umgebung entstand nun mit dem Tagebau Lichtenberg eine riesige Vertiefung von bis zu 240 Metern, eine Landschaft des terrassenförmigen Aushubs und der künstlichen Ausstülpung. Als „Pyramiden von Ronneburg“ beherrschten vier spitzkeglige schwarzgraue Abraumhalden weithin den Blick. Mehrere landschaftsprägende bäuerliche Ortschaften mussten dem heranrückenden Tagebau weichen, für den bis zu 150 Millionen Kubikmeter Erdmasse bewegt wurden, dem 60-fachen Volumen der Cheopspyramide.

    Mythologisch ist der Bergbau mit Erzählungen von schwer zugänglichen Höhlenlandschaften verbunden, in denen Schätze von Elementargeistern bewacht werden. Uranerz wurde bei Ronneburg nicht nur im offenen Tagebau, sondern auch unterirdisch abgebaut. Die von den Wismutkumpeln erlebte Untertagelandschaft stellte sich vermutlich wie eine Antipode zur Urlaubslandschaft von Zinnowitz dar. Statt in einer organischen Umwelt bewegten sie sich in schwarzglänzenden mineralischen Erzschichten, durchzogen von Rohrleitungen und Schienensträngen, statt lichthafter Weite erlebten sie horizontlose Begrenztheit und Dunkelheit der Stollengänge, statt sauberer Atemluft inhalierten sie radioaktiven Staub. Insgesamt nahmen die verzweigten Untertage-Landschaften der WISMUT eine Länge von mehreren tausend Kilometern ein(10). Der aus dem Dunkeln gehobene Schatz, das Uran, hatte wiederum selbst das Potenzial, Landschaften zu verändern — durch die atomaren Explosionen, die es ermöglichte. Die Region um Semipalatinsk in Kasachstan wurde in der Ära der oberirdischen Atomtests übersät mit künstlichen Kratern und ähnelt heute in Teilen der Mondoberfläche. Die Landschaftsverwüstungen des Atomzeitalters durchziehen die gesamte Produktionskette — von der bergbaulichen Förderung und Aufbereitung bis zur Anwendung in Reaktoren oder Bomben und der anschließenden „Entsorgung“.

    Ein apokalyptisches Paradox ist, dass die Sperrzone um Tschernobyl heute ein in Europa einmaliges Paradies für Pflanzen und Wildtiere darstellt. „Unzerschnitten“ oder „unverritzt“ — diese Wörter, mit denen in der Landschaftsökologie naturnah gebliebene Räume bezeichnet werden, sind ein Vokabular, das auf ein Bewusstsein von Verletzung hinweist. Die Tagebaulandschaft von Ronneburg war eine offenkundige Verwundung einer über Jahrtausende gewachsenen Kulturlandschaft. In ihrer sprungartigen Metamorphose ähnelte sie einer Katastrophe. Die „Folgelandschaft“ kann diese weder heilen noch ungeschehen machen. Nach erheblichen Anstrengungen und einem langjährigen Renaturierungsprogramm entstand bei Ronneburg eine weitläufige, wie offenes Grasland anmutende Freizeit- und Erinnerungslandschaft. In der Wahrnehmung dieser „Neuen Landschaft“ ist die Episode des Uranbergbaus enthalten. Ein Teil der unterirdischen Stollenlandschaften ist als Schaubergwerk für die Öffentlichkeit erlebbar. Als symbolträchtige Nachfolgeindustrie entstand im Gelände der größte Solarpark Thüringens. Die identitätsstiftenden Kegelhalden, die während der Wismut-Ära zu neuen Wahrzeichen der Region wurden, sind wieder abgetragen und verfüllt worden. Dafür erhebt sich ein neuer künstlicher Berg, der die größte natürliche Erhebung der Gegend um mehrere Meter überragt. Das Gessental zwischen Ronneburg und Gera konnte biologisch und auch landschaftlich in einer beachtlichen Vielfalt wieder erblühen.

    Die neue Landschaft Ronneburg ist Ausdruck einer gewachsenen Sensibilität der Gesellschaft für Landschaftsschäden. Sie birgt deshalb eine Hoffnung, dass es der Menschheit gelingt, die natürliche Umwelt mit der Industriekultur zu versöhnen. Der naturzerstörerische Uranbergbau findet jetzt außerhalb Deutschlands statt. Im mitteldeutschen Revier heißt der neue ungehobene Schatz heute
    Lithiumsalz und wartet im Osterzgebirge auf seine Erschließung. Die Frage, wem dieser Schatz gehört und wer ihn hebt ist ein Politikum, aber kaum Gegenstand gesellschaftlicher Diskussion. Nach wie vor nimmt das Bergbaurecht mit seinem Zugriff auf Landschaften eine hoheitliche Sonderstellung ein.

    Jörg Wunderlich
    2021

     

    1 Bundesamt für Naturschutz https://www.bfn.de/themen/biotop-und-landschaftsschutz/ schutzwuerdigelandschaften/landschaftstypen.html
    2 Georg Simmel: Philosophie der Landschaft, ersch. in: Die Güldenkammer. Eine bremische Monatsschrift, herausgegeben von Sophie Dorothea Gallwitz, Gustav Friedrich Hartlaub und Hermann Smidt, 3. Jg., 1913, Heft II
    3 a. a. O.
    4 Quelle: Techniker Krankenkasse https://www.tk.de/techniker/magazin/lifestyle/wald-gut-fuer-gesundheit- 2067166?tkcm=ab
    5 https://www.pharmazeutische-zeitung.de/besuch-bei-dr-wald/
    6 Rachel T. Buxton: A synthesis of health benefits of natural sounds and their distribution in national parks, https://www.pnas.org/content/118/14/e2013097118
    7 Axel Buether, Die geheimnisvolle Macht der Farbe, 2020, S. 67
    8 https://www.researchgate.net/publication/242738553_Heimat_Umwelt_und_Risiko_an_der_deutschen_ Nordseekuste
    9 https://www.nature.com/articles/s41562-020-0930-x
    10 https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Publikationen/Energie/wismut-broschuere.pdf?__blob=publication File&v=9

  • Ronneburg.Semipalatinsk | Landschaft und Mensch im Wechsel ihrer Wirkungen

    Die Landschaft ermöglicht und prägt als geografischer Bezugsraum das Leben der in ihr lebenden Menschen. Umgekehrt ist sie als Bühne menschlicher Handlungen aber auch Produkt ihrer Einflüsse und Gestaltungen.

     

    Offiziell werden in Deutschland mehr als zwanzig Landschaftstypen unterschieden, von denen die allermeisten als Kulturlandschaften, also genutzte Landschaften gelten (1). Auch das Wort Landschaft selbst hatte ursprünglich weniger mit Natur zu tun als mit ihrer Einhegung und Nutzbarmachung. Erst die jüngere Kunst- und Kulturgeschichte brachte die Kategorie ‚Landschaft‘ als ästhetisch aufgefassten Erfahrungsraum hervor. Der Kulturphilosoph Georg Simmel schrieb 1913, dass Landschaft noch nicht damit gegeben sei, „dass allerhand Dinge nebeneinander auf einem Stück Erdboden ausgebreitet sind und unmittelbar angeschaut werden.“ (2) Das Bewusstsein für Landschaft müsse vielmehr „ein neues Ganzes, Einheitliches haben, über die Elemente hinweg, an ihre Sonderbedeutungen nicht gebunden und aus ihnen nicht mechanisch zusammengesetzt.“ Was wir als Landschaft wahrnehmen und wie wir sie wahrnehmen, ist demnach abhängig von kulturellen Prägungen, von individuellen und kollektiven Erfahrungen. Als menschliche Subjekte erzeugen wir die Landschaft in unseren Köpfen, konstruieren sie aus dem, was wir vorfinden, bereits wissen und gesehen haben. Simmel nennt diesen Wahrnehmungsvorgang einen „eigentümlichen geistigen Prozess“ (3). Neben jeder individuell wahrgenommenen Landschaft müssen also auch unendlich viele weitere ungesehene existieren.

    Wenn wir uns in eine Landschaft begeben, können wir ihre Elemente über die Sinne erfahren. Sie riecht, tönt, ist begehbar, enthält Formen und Struktur. Es gibt sogar unmittelbare physiologische und psychische Reaktionen auf ihr Erleben. Beim Spaziergang in einem Waldgebiet senkt sich nachweislich der Blutdruck, die Herzfrequenz und die Konzentration von Stresshormonen.(4) Terpene als aromatische Botenstoffe verändern Gehirnvorgänge, wirken immunstimulierend.(5) Naturgeräusche, wie wir sie etwa in Flusslandschaften zu hören bekommen, lassen das Schmerzempfinden sinken und die kognitive Leistungsfähigkeit ansteigen.(6) Ein weiterer Schlüsselreiz mit vielfältigen Wirkungen ist die Farbe.
    Der Farbforscher Axel Buether schreibt, dass es unmöglich ist, Farbe losgelöst von Gefühlen und Assoziationen wahrzunehmen und begründet das mit der Physiologie des Sehapparates. Der „Datenstrom der Farbsignale“(7) führe direkt durch den Thalamus, ein Gehirnareal, das als „Tor zum Bewusstsein“ für Emotionen verantwortlich ist. Noch bevor wir also den Farbton des Meeres, eines Gewerbegebietes oder einer Nebellandschaft bewusst wahrnehmen, haben wir diesen schon gefühlt und erleben die psychischen und körperlichen Reaktionen darauf — bis hin zu Veränderungen der Körpertemperatur.

    Die subtileren wechselseitigen Einflüsse zwischen Mensch und Landschaft, mit denen sich Künstler oder Geomanten beschäftigen, gelten als weniger objektiv. Vertraut sind uns aber ihre Symboliken, die wir je nach kultureller Prägung verinnerlicht haben und mit der wir rückwirkend die Landschaft betrachten und deuten. Landschaft wird so zum Spiegel und kann als offen oder verschlossen, karg oder üppig, schroff oder sanft, dramatisch oder lyrisch empfunden werden. Umweltpsychologen und Kulturanthropologen erforschen solche assoziativen Wechselwirkungen und holen diese zurück in den Raum der objektiven Wissenschaft. Die weiträumige norddeutsche Landschaft beispielsweise vermittelt den dort Lebenden laut einer Umfrage ein Gefühl von Freiheit (8). Und ein internationales Forscherteam fand heraus, dass Menschen in Bergregionen im Vergleich zu Personen aus flacheren Regionen emotional stabiler, aber auch introvertierter sind. (9)

    Natürliche Landschaften unterliegen einer fortwährenden Wandlung durch Erosion oder die Einflüsse der Biosphäre. Der Mensch hat technologische Kräfte entfaltet, die in ihrer Dynamik alle anderen Einflüsse übersteigen. Selbst klimatische Veränderungen oder Naturkatastrophen lassen sich kaum noch als vom Menschen getrennte Phänomene wahrnehmen. Es gibt nicht wenige Wissenschaftler, die für die Idee eines Erdzeitalters namens „Anthropozän“ plädieren — einer ganzen geologischen Epoche benannt nach dem Lebewesen, das die Gestalt der äußeren Hülle des Planeten prägt. Die Landschaft als einen zu bewahrenden Schatz zu begreifen, ist eine Haltung die unserer derzeitigen Lebensweise widerspricht. Kategorien wie ‚heilig‘ oder ‚unantastbar‘ finden keine Anwendung; alles ist im Widerstreit der Interessen auszuhandeln. Die Belange des Schutzes unterliegen so in vielen Fällen dem wirtschaftlichen Willen, aus einer Landschaft eine auszubeutende Ressource zu machen oder Infrastrukturprojekte in ihr zu realisieren. Autobahnen zerschneiden Flussauen, Bohrer perforieren Grasland, Hotelbauten bepflastern Küstenstreifen, Sojaplantagen verdrängen Regenwald.

    Der noch junge Fachbegriff ‚Solastalgie‘ bezeichnet ein Verlustgefühl, das Menschen belastet, wenn sie Veränderungen und Zerstörung ihres heimatlichen Lebensraumes erleben müssen — etwa durch Katastrophen und Krieg, aber auch durch Rodungen, Bergbau oder Industrialisierung. Als sich die Umgebung der Kurstadt Ronneburg im Zuge der bergbaulichen Erschließung nach 1949 rasant zu verändern begann, stand dieses Wort noch nicht zur Verfügung. In der Logik des beginnenden Kalten Krieges war die Möglichkeit der Förderung von Uran gleichbedeutend mit der Frage der Existenz. Nur wer genug Uran förderte und zu waffenfähigem Material aufbereitete, so die Logik der Abschreckung, konnte sicher gehen nicht angegriffen zu werden. Der mineralische Schatz unter Ronneburg, das größte Uranvorkommen Europas, bestimmte das Schicksal der Kulturlandschaft nahe der Stadt. Das Gessental zwischen Gera und Ronneburg ähnelte zuvor den idealtypischen Sonntagslandschaften des 19. Jahrhunderts, die mit Wörtern wie „lieblich“ und „idyllisch“ umschrieben werden konnten. Das Motiv einer Wassermühle fand sich gleich mehrfach in ihr, ebenso mäandernde Bachläufe, Felsvorsprünge und Bauminseln. In dieser Umgebung entstand nun mit dem Tagebau Lichtenberg eine riesige Vertiefung von bis zu 240 Metern, eine Landschaft des terrassenförmigen Aushubs und der künstlichen Ausstülpung. Als „Pyramiden von Ronneburg“ beherrschten vier spitzkeglige schwarzgraue Abraumhalden weithin den Blick. Mehrere landschaftsprägende bäuerliche Ortschaften mussten dem heranrückenden Tagebau weichen, für den bis zu 150 Millionen Kubikmeter Erdmasse bewegt wurden, dem 60-fachen Volumen der Cheopspyramide.

    Mythologisch ist der Bergbau mit Erzählungen von schwer zugänglichen Höhlenlandschaften verbunden, in denen Schätze von Elementargeistern bewacht werden. Uranerz wurde bei Ronneburg nicht nur im offenen Tagebau, sondern auch unterirdisch abgebaut. Die von den Wismutkumpeln erlebte Untertagelandschaft stellte sich vermutlich wie eine Antipode zur Urlaubslandschaft von Zinnowitz dar. Statt in einer organischen Umwelt bewegten sie sich in schwarzglänzenden mineralischen Erzschichten, durchzogen von Rohrleitungen und Schienensträngen, statt lichthafter Weite erlebten sie horizontlose Begrenztheit und Dunkelheit der Stollengänge, statt sauberer Atemluft inhalierten sie radioaktiven Staub. Insgesamt nahmen die verzweigten Untertage-Landschaften der WISMUT eine Länge von mehreren tausend Kilometern ein(10). Der aus dem Dunkeln gehobene Schatz, das Uran, hatte wiederum selbst das Potenzial, Landschaften zu verändern — durch die atomaren Explosionen, die es ermöglichte. Die Region um Semipalatinsk in Kasachstan wurde in der Ära der oberirdischen Atomtests übersät mit künstlichen Kratern und ähnelt heute in Teilen der Mondoberfläche. Die Landschaftsverwüstungen des Atomzeitalters durchziehen die gesamte Produktionskette — von der bergbaulichen Förderung und Aufbereitung bis zur Anwendung in Reaktoren oder Bomben und der anschließenden „Entsorgung“.

    Ein apokalyptisches Paradox ist, dass die Sperrzone um Tschernobyl heute ein in Europa einmaliges Paradies für Pflanzen und Wildtiere darstellt. „Unzerschnitten“ oder „unverritzt“ — diese Wörter, mit denen in der Landschaftsökologie naturnah gebliebene Räume bezeichnet werden, sind ein Vokabular, das auf ein Bewusstsein von Verletzung hinweist. Die Tagebaulandschaft von Ronneburg war eine offenkundige Verwundung einer über Jahrtausende gewachsenen Kulturlandschaft. In ihrer sprungartigen Metamorphose ähnelte sie einer Katastrophe. Die „Folgelandschaft“ kann diese weder heilen noch ungeschehen machen. Nach erheblichen Anstrengungen und einem langjährigen Renaturierungsprogramm entstand bei Ronneburg eine weitläufige, wie offenes Grasland anmutende Freizeit- und Erinnerungslandschaft. In der Wahrnehmung dieser „Neuen Landschaft“ ist die Episode des Uranbergbaus enthalten. Ein Teil der unterirdischen Stollenlandschaften ist als Schaubergwerk für die Öffentlichkeit erlebbar. Als symbolträchtige Nachfolgeindustrie entstand im Gelände der größte Solarpark Thüringens. Die identitätsstiftenden Kegelhalden, die während der Wismut-Ära zu neuen Wahrzeichen der Region wurden, sind wieder abgetragen und verfüllt worden. Dafür erhebt sich ein neuer künstlicher Berg, der die größte natürliche Erhebung der Gegend um mehrere Meter überragt. Das Gessental zwischen Ronneburg und Gera konnte biologisch und auch landschaftlich in einer beachtlichen Vielfalt wieder erblühen.

    Die neue Landschaft Ronneburg ist Ausdruck einer gewachsenen Sensibilität der Gesellschaft für Landschaftsschäden. Sie birgt deshalb eine Hoffnung, dass es der Menschheit gelingt, die natürliche Umwelt mit der Industriekultur zu versöhnen. Der naturzerstörerische Uranbergbau findet jetzt außerhalb Deutschlands statt. Im mitteldeutschen Revier heißt der neue ungehobene Schatz heute
    Lithiumsalz und wartet im Osterzgebirge auf seine Erschließung. Die Frage, wem dieser Schatz gehört und wer ihn hebt ist ein Politikum, aber kaum Gegenstand gesellschaftlicher Diskussion. Nach wie vor nimmt das Bergbaurecht mit seinem Zugriff auf Landschaften eine hoheitliche Sonderstellung ein.

    Jörg Wunderlich
    2021

     

    1 Bundesamt für Naturschutz https://www.bfn.de/themen/biotop-und-landschaftsschutz/ schutzwuerdigelandschaften/landschaftstypen.html
    2 Georg Simmel: Philosophie der Landschaft, ersch. in: Die Güldenkammer. Eine bremische Monatsschrift, herausgegeben von Sophie Dorothea Gallwitz, Gustav Friedrich Hartlaub und Hermann Smidt, 3. Jg., 1913, Heft II
    3 a. a. O.
    4 Quelle: Techniker Krankenkasse https://www.tk.de/techniker/magazin/lifestyle/wald-gut-fuer-gesundheit- 2067166?tkcm=ab
    5 https://www.pharmazeutische-zeitung.de/besuch-bei-dr-wald/
    6 Rachel T. Buxton: A synthesis of health benefits of natural sounds and their distribution in national parks, https://www.pnas.org/content/118/14/e2013097118
    7 Axel Buether, Die geheimnisvolle Macht der Farbe, 2020, S. 67
    8 https://www.researchgate.net/publication/242738553_Heimat_Umwelt_und_Risiko_an_der_deutschen_ Nordseekuste
    9 https://www.nature.com/articles/s41562-020-0930-x
    10 https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Publikationen/Energie/wismut-broschuere.pdf?__blob=publication File&v=9

  • Ronneburg.Semipalatinsk | Landschaft und Mensch im Wechsel ihrer Wirkungen

    Die Landschaft ermöglicht und prägt als geografischer Bezugsraum das Leben der in ihr lebenden Menschen. Umgekehrt ist sie als Bühne menschlicher Handlungen aber auch Produkt ihrer Einflüsse und Gestaltungen.

     

    Offiziell werden in Deutschland mehr als zwanzig Landschaftstypen unterschieden, von denen die allermeisten als Kulturlandschaften, also genutzte Landschaften gelten (1). Auch das Wort Landschaft selbst hatte ursprünglich weniger mit Natur zu tun als mit ihrer Einhegung und Nutzbarmachung. Erst die jüngere Kunst- und Kulturgeschichte brachte die Kategorie ‚Landschaft‘ als ästhetisch aufgefassten Erfahrungsraum hervor. Der Kulturphilosoph Georg Simmel schrieb 1913, dass Landschaft noch nicht damit gegeben sei, „dass allerhand Dinge nebeneinander auf einem Stück Erdboden ausgebreitet sind und unmittelbar angeschaut werden.“ (2) Das Bewusstsein für Landschaft müsse vielmehr „ein neues Ganzes, Einheitliches haben, über die Elemente hinweg, an ihre Sonderbedeutungen nicht gebunden und aus ihnen nicht mechanisch zusammengesetzt.“ Was wir als Landschaft wahrnehmen und wie wir sie wahrnehmen, ist demnach abhängig von kulturellen Prägungen, von individuellen und kollektiven Erfahrungen. Als menschliche Subjekte erzeugen wir die Landschaft in unseren Köpfen, konstruieren sie aus dem, was wir vorfinden, bereits wissen und gesehen haben. Simmel nennt diesen Wahrnehmungsvorgang einen „eigentümlichen geistigen Prozess“ (3). Neben jeder individuell wahrgenommenen Landschaft müssen also auch unendlich viele weitere ungesehene existieren.

    Wenn wir uns in eine Landschaft begeben, können wir ihre Elemente über die Sinne erfahren. Sie riecht, tönt, ist begehbar, enthält Formen und Struktur. Es gibt sogar unmittelbare physiologische und psychische Reaktionen auf ihr Erleben. Beim Spaziergang in einem Waldgebiet senkt sich nachweislich der Blutdruck, die Herzfrequenz und die Konzentration von Stresshormonen.(4) Terpene als aromatische Botenstoffe verändern Gehirnvorgänge, wirken immunstimulierend.(5) Naturgeräusche, wie wir sie etwa in Flusslandschaften zu hören bekommen, lassen das Schmerzempfinden sinken und die kognitive Leistungsfähigkeit ansteigen.(6) Ein weiterer Schlüsselreiz mit vielfältigen Wirkungen ist die Farbe.
    Der Farbforscher Axel Buether schreibt, dass es unmöglich ist, Farbe losgelöst von Gefühlen und Assoziationen wahrzunehmen und begründet das mit der Physiologie des Sehapparates. Der „Datenstrom der Farbsignale“(7) führe direkt durch den Thalamus, ein Gehirnareal, das als „Tor zum Bewusstsein“ für Emotionen verantwortlich ist. Noch bevor wir also den Farbton des Meeres, eines Gewerbegebietes oder einer Nebellandschaft bewusst wahrnehmen, haben wir diesen schon gefühlt und erleben die psychischen und körperlichen Reaktionen darauf — bis hin zu Veränderungen der Körpertemperatur.

    Die subtileren wechselseitigen Einflüsse zwischen Mensch und Landschaft, mit denen sich Künstler oder Geomanten beschäftigen, gelten als weniger objektiv. Vertraut sind uns aber ihre Symboliken, die wir je nach kultureller Prägung verinnerlicht haben und mit der wir rückwirkend die Landschaft betrachten und deuten. Landschaft wird so zum Spiegel und kann als offen oder verschlossen, karg oder üppig, schroff oder sanft, dramatisch oder lyrisch empfunden werden. Umweltpsychologen und Kulturanthropologen erforschen solche assoziativen Wechselwirkungen und holen diese zurück in den Raum der objektiven Wissenschaft. Die weiträumige norddeutsche Landschaft beispielsweise vermittelt den dort Lebenden laut einer Umfrage ein Gefühl von Freiheit (8). Und ein internationales Forscherteam fand heraus, dass Menschen in Bergregionen im Vergleich zu Personen aus flacheren Regionen emotional stabiler, aber auch introvertierter sind. (9)

    Natürliche Landschaften unterliegen einer fortwährenden Wandlung durch Erosion oder die Einflüsse der Biosphäre. Der Mensch hat technologische Kräfte entfaltet, die in ihrer Dynamik alle anderen Einflüsse übersteigen. Selbst klimatische Veränderungen oder Naturkatastrophen lassen sich kaum noch als vom Menschen getrennte Phänomene wahrnehmen. Es gibt nicht wenige Wissenschaftler, die für die Idee eines Erdzeitalters namens „Anthropozän“ plädieren — einer ganzen geologischen Epoche benannt nach dem Lebewesen, das die Gestalt der äußeren Hülle des Planeten prägt. Die Landschaft als einen zu bewahrenden Schatz zu begreifen, ist eine Haltung die unserer derzeitigen Lebensweise widerspricht. Kategorien wie ‚heilig‘ oder ‚unantastbar‘ finden keine Anwendung; alles ist im Widerstreit der Interessen auszuhandeln. Die Belange des Schutzes unterliegen so in vielen Fällen dem wirtschaftlichen Willen, aus einer Landschaft eine auszubeutende Ressource zu machen oder Infrastrukturprojekte in ihr zu realisieren. Autobahnen zerschneiden Flussauen, Bohrer perforieren Grasland, Hotelbauten bepflastern Küstenstreifen, Sojaplantagen verdrängen Regenwald.

    Der noch junge Fachbegriff ‚Solastalgie‘ bezeichnet ein Verlustgefühl, das Menschen belastet, wenn sie Veränderungen und Zerstörung ihres heimatlichen Lebensraumes erleben müssen — etwa durch Katastrophen und Krieg, aber auch durch Rodungen, Bergbau oder Industrialisierung. Als sich die Umgebung der Kurstadt Ronneburg im Zuge der bergbaulichen Erschließung nach 1949 rasant zu verändern begann, stand dieses Wort noch nicht zur Verfügung. In der Logik des beginnenden Kalten Krieges war die Möglichkeit der Förderung von Uran gleichbedeutend mit der Frage der Existenz. Nur wer genug Uran förderte und zu waffenfähigem Material aufbereitete, so die Logik der Abschreckung, konnte sicher gehen nicht angegriffen zu werden. Der mineralische Schatz unter Ronneburg, das größte Uranvorkommen Europas, bestimmte das Schicksal der Kulturlandschaft nahe der Stadt. Das Gessental zwischen Gera und Ronneburg ähnelte zuvor den idealtypischen Sonntagslandschaften des 19. Jahrhunderts, die mit Wörtern wie „lieblich“ und „idyllisch“ umschrieben werden konnten. Das Motiv einer Wassermühle fand sich gleich mehrfach in ihr, ebenso mäandernde Bachläufe, Felsvorsprünge und Bauminseln. In dieser Umgebung entstand nun mit dem Tagebau Lichtenberg eine riesige Vertiefung von bis zu 240 Metern, eine Landschaft des terrassenförmigen Aushubs und der künstlichen Ausstülpung. Als „Pyramiden von Ronneburg“ beherrschten vier spitzkeglige schwarzgraue Abraumhalden weithin den Blick. Mehrere landschaftsprägende bäuerliche Ortschaften mussten dem heranrückenden Tagebau weichen, für den bis zu 150 Millionen Kubikmeter Erdmasse bewegt wurden, dem 60-fachen Volumen der Cheopspyramide.

    Mythologisch ist der Bergbau mit Erzählungen von schwer zugänglichen Höhlenlandschaften verbunden, in denen Schätze von Elementargeistern bewacht werden. Uranerz wurde bei Ronneburg nicht nur im offenen Tagebau, sondern auch unterirdisch abgebaut. Die von den Wismutkumpeln erlebte Untertagelandschaft stellte sich vermutlich wie eine Antipode zur Urlaubslandschaft von Zinnowitz dar. Statt in einer organischen Umwelt bewegten sie sich in schwarzglänzenden mineralischen Erzschichten, durchzogen von Rohrleitungen und Schienensträngen, statt lichthafter Weite erlebten sie horizontlose Begrenztheit und Dunkelheit der Stollengänge, statt sauberer Atemluft inhalierten sie radioaktiven Staub. Insgesamt nahmen die verzweigten Untertage-Landschaften der WISMUT eine Länge von mehreren tausend Kilometern ein(10). Der aus dem Dunkeln gehobene Schatz, das Uran, hatte wiederum selbst das Potenzial, Landschaften zu verändern — durch die atomaren Explosionen, die es ermöglichte. Die Region um Semipalatinsk in Kasachstan wurde in der Ära der oberirdischen Atomtests übersät mit künstlichen Kratern und ähnelt heute in Teilen der Mondoberfläche. Die Landschaftsverwüstungen des Atomzeitalters durchziehen die gesamte Produktionskette — von der bergbaulichen Förderung und Aufbereitung bis zur Anwendung in Reaktoren oder Bomben und der anschließenden „Entsorgung“.

    Ein apokalyptisches Paradox ist, dass die Sperrzone um Tschernobyl heute ein in Europa einmaliges Paradies für Pflanzen und Wildtiere darstellt. „Unzerschnitten“ oder „unverritzt“ — diese Wörter, mit denen in der Landschaftsökologie naturnah gebliebene Räume bezeichnet werden, sind ein Vokabular, das auf ein Bewusstsein von Verletzung hinweist. Die Tagebaulandschaft von Ronneburg war eine offenkundige Verwundung einer über Jahrtausende gewachsenen Kulturlandschaft. In ihrer sprungartigen Metamorphose ähnelte sie einer Katastrophe. Die „Folgelandschaft“ kann diese weder heilen noch ungeschehen machen. Nach erheblichen Anstrengungen und einem langjährigen Renaturierungsprogramm entstand bei Ronneburg eine weitläufige, wie offenes Grasland anmutende Freizeit- und Erinnerungslandschaft. In der Wahrnehmung dieser „Neuen Landschaft“ ist die Episode des Uranbergbaus enthalten. Ein Teil der unterirdischen Stollenlandschaften ist als Schaubergwerk für die Öffentlichkeit erlebbar. Als symbolträchtige Nachfolgeindustrie entstand im Gelände der größte Solarpark Thüringens. Die identitätsstiftenden Kegelhalden, die während der Wismut-Ära zu neuen Wahrzeichen der Region wurden, sind wieder abgetragen und verfüllt worden. Dafür erhebt sich ein neuer künstlicher Berg, der die größte natürliche Erhebung der Gegend um mehrere Meter überragt. Das Gessental zwischen Ronneburg und Gera konnte biologisch und auch landschaftlich in einer beachtlichen Vielfalt wieder erblühen.

    Die neue Landschaft Ronneburg ist Ausdruck einer gewachsenen Sensibilität der Gesellschaft für Landschaftsschäden. Sie birgt deshalb eine Hoffnung, dass es der Menschheit gelingt, die natürliche Umwelt mit der Industriekultur zu versöhnen. Der naturzerstörerische Uranbergbau findet jetzt außerhalb Deutschlands statt. Im mitteldeutschen Revier heißt der neue ungehobene Schatz heute
    Lithiumsalz und wartet im Osterzgebirge auf seine Erschließung. Die Frage, wem dieser Schatz gehört und wer ihn hebt ist ein Politikum, aber kaum Gegenstand gesellschaftlicher Diskussion. Nach wie vor nimmt das Bergbaurecht mit seinem Zugriff auf Landschaften eine hoheitliche Sonderstellung ein.

    Jörg Wunderlich
    2021

     

    1 Bundesamt für Naturschutz https://www.bfn.de/themen/biotop-und-landschaftsschutz/ schutzwuerdigelandschaften/landschaftstypen.html
    2 Georg Simmel: Philosophie der Landschaft, ersch. in: Die Güldenkammer. Eine bremische Monatsschrift, herausgegeben von Sophie Dorothea Gallwitz, Gustav Friedrich Hartlaub und Hermann Smidt, 3. Jg., 1913, Heft II
    3 a. a. O.
    4 Quelle: Techniker Krankenkasse https://www.tk.de/techniker/magazin/lifestyle/wald-gut-fuer-gesundheit- 2067166?tkcm=ab
    5 https://www.pharmazeutische-zeitung.de/besuch-bei-dr-wald/
    6 Rachel T. Buxton: A synthesis of health benefits of natural sounds and their distribution in national parks, https://www.pnas.org/content/118/14/e2013097118
    7 Axel Buether, Die geheimnisvolle Macht der Farbe, 2020, S. 67
    8 https://www.researchgate.net/publication/242738553_Heimat_Umwelt_und_Risiko_an_der_deutschen_ Nordseekuste
    9 https://www.nature.com/articles/s41562-020-0930-x
    10 https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Publikationen/Energie/wismut-broschuere.pdf?__blob=publication File&v=9